Archivalie des Monats September 2025: Die Gründung der Siedlung Adolphsheide vor 200 Jahren und ihr Namenspatron
Schon mancher mag sich gefragt haben, seit wann und weshalb es in Bad Fallingbostel einen Ortsteil Adolphsheide gibt. Dass hier einmal eine Heidelandschaft anzutreffen war, liegt nahe, aber um welchen Namenspatron mag es sich gehandelt haben?
Hans Stuhlmacher berichtete in seinem Buch „Der Kreis Fallingbostel“, die 1825 auf der Fläche mit den Flurnamen „Kriegerweg“ und „Königsheide“ gegründete Siedlung Adolphsheide sei benannt worden „[…] nach dem beliebten welfischen Prinzen Adolph, Herzog von Cambridge, Statthalter vom Königreich Hannover […], der auch den Anlaß zur Gründung gab.“ Mit der Anlegung der Siedlung Adolphsheide wurde also vor genau 200 Jahren auf Initiative eines Welfen begonnen, der einen interessanten Lebensweg aufzuweisen hat.
Der 1774 geborene Adolph Friedrich war der siebte und zugleich jüngste Sohn des britischen Königs Georg III, der in Personalunion zugleich über das Kurfürstentum Hannover herrschte. Bereits im Alter von zwölf Jahren wurde der Prinz von seinem Vater zusammen mit seinen beiden älteren Brüdern August Friedrich und Ernst August zum Studium an die Universität Göttingen geschickt. Die in England aufgewachsenen Königssöhne sollten sich hier mit der deutschen Sprache sowie mit den Sitten und Gewohnheiten im Kurfürstentum vertraut machen. Im Gegensatz zu seinen beiden Brüdern ließ der liebenswürdige Prinz schon bald Wissbegier und Freude am Lernen erkennen. Das ging so weit, dass er sich sogar über die klassische lateinische Literatur öffentlich prüfen ließ.
Nachdem die drei Prinzen Göttingen 1791 verlassen hatten, trat Adolph Friedrich zusammen mit seinem Bruder Ernst August in die hannoversche Armee ein. Zunächst kämpfte er gegen die französischen Revolutionstruppen in den Niederlanden, dann wurde er zum Stadtkommandanten von Hannover ernannt. Nach der Besetzung des Kurfürstentums Hannover durch französische Truppen im Jahr 1803 diente er in der britischen Armee, wo er bis zum Feldmarschall aufstieg. Aus der britischen Politik hielt sich jedoch der Prinz, der 1801 den Titel eines Herzogs von Cambridge verliehen bekam und Mitglied des Kronrates wurde, gänzlich heraus.
Nach dem Ende der Napoleonischen Kriege wurde Adolph Friedrich von seinem ältesten Bruder, dem damaligen Prinzregenten Georg, 1813 als Militärgouverneur nach Hannover geschickt, das jetzt wieder in welfischen Besitz übergegangen war. Drei Jahre später wurde der Herzog von Cambridge zum Generalgouverneur des inzwischen zum Königreich erhobenen Kurfürstentums ernannt. Sein älterer Bruder Ernst August, der fest darauf gehofft hatte, die Statthalterschaft übernehmen zu können, reagierte auf diese bewusste Zurücksetzung mit tiefer Enttäuschung. Der umgängliche, pflichtbewusste und unpolitische Adolph Friedrich erschien den Politikern für diese Position wohl geeigneter als der ultrakonservative und wesentlich eigenwilligere Herzog von Cumberland.
Noch in die ersten Jahre seiner Zeit als Gouverneur von Hannover fiel 1817 Adolph Friedrichs Heirat der Prinzessin Auguste von Hessen-Kassel. Es war eine wirkliche Liebesheirat und nicht etwa eine Eheschließung aus dynastischen Gründen. Im Vorfeld seiner Hochzeit schrieb Adolph Friedrich: „Ich glaube wirklich, dass es, auf der ganzen Erde keinen glücklicheren Menschen gibt als mich (...) Ich bin zutiefst dankbar, dass die Vorsehung diesen Segen für mich bereit gehalten hat, und der Himmel helfe mir, dass ich mich dieses Glückes würdig erweise und es nicht durch irgendwelches Fehlverhalten aufs Spiel setzen möge.“ Aus der Ehe stammten drei Kinder.
War die Position des Generalgouverneurs mit keiner politischen Macht verbunden gewesen, so änderte sich dies nach dem Regierungsantritt von König Wilhelm IV. Adolph Friedrich wurde zum Vizekönig ernannt, der in Hannover als Reaktion auf die in Göttingen zu Beginn des Jahres 1831 ausgebrochenen Unruhen liberale Reformen und einen Systemwechsel anregte. Er ließ mit Rückendeckung von Wilhelm IV. ein Staatsgrundgesetz erarbeiten, das 1833 aus Hannover eine konstitutionelle Monarchie machte.
Der Tod von König Wilhelm IV. im Jahr 1837 brachte nicht nur das Ende der Personalunion zwischen Großbritannien und Hannover, sondern setzte auch den Schlusspunkt unter Adolph Friedrichs Zeit als Vizekönig. Während in Großbritannien Königin Victoria den Thron bestiegt wurde sein Bruder Ernst August zum hannoverschen König ausgerufen.
Adolph Friedrichs Weggang aus Hannover löste Bedauern aus. Er war wegen seiner Bürgernähe beliebt. Lange noch erinnerte man sich an diesen Trinkspruch: „Pitsche, pitsche, pitsche, der Herzog von Cambridsche. Hei kümmt, hei kümmt, hei kümmt, ob hei noch einen nümmt? Hei nümmt noch einen ... na denn man prost!“ Bei seinen Hannoveranern war der Herzog von Cambridge überaus geachtet. In der „Allgemeinen Deutschen Biographie“ heißt es über ihn: „Um seine Thätigkeit in dieser Stellung ruhig und im allgemeinen zu beurtheilen, muß man wissen, daß er der beste, gütigste Herr war, gerecht, freundlich, Jedem zugänglich, ein Muster von Sittenreinheit unter seines Gleichen, liberal, stets bereit Künste und Wissenschaften, so wie die Armuth zu unterstützen!“ In der Tat hatte Adolph Friedrich viel bewirkt. So unterstützte er den Historischen Verein von Niedersachsen, die English Book Society at Hanover und den 1832 von engagierten Bürgern ins Leben gerufenen Kunstverein in Hannover, der zu den frühesten in Deutschland gegründeten Institutionen dieser Art gehörte.
Als der Herzog von Cambridge nach fast 24 Jahren in Deutschland nach Großbritannien zurückkehrte, musste er sich erst wieder an ein Leben als Privatperson gewöhnen. In politische Belange mischte er sich nicht ein, sondern engagierte sich als Präsident vieler Wohltätigkeitsorganisationen. Mehrmals besuchte Adolph Friedrich noch Hannover, zuletzt im August 1849, ein knappes Jahr vor seinem Tod am 8. Juli 1850 in London.
Als Adolph Friedrich heiratete, zählte das Königreich 1,3 Millionen Einwohner. Die allermeisten von ihnen lebten auf dem Lande – selbst die Stadt Hannover hatte nur gut 20.000 Einwohner. In einem Agrarland wie Hannover konnte in den Zeiten, in denen Mechanisierung und Kunstdünger noch nicht erfunden worden waren, einer wachsenden Bevölkerung nur durch Ausdehnung der bewirtschafteten Fläche Auskommen und Nahrung verschafft werden. Dementsprechend sah man in einer möglichst großen Zahl ackerbautreibender ländlicher Bewohner die Voraussetzung für den Wohlstand des Landes und betrieb seit der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts planvoll die Binnenkolonisation. Unzugängliche, unfruchtbare Landstriche wie die Moorgebiete wurden in Ackerland verwandelt – so beispielsweise im Teufelsmoor unter dem Moorkommissar Jürgen Christian Findorf (1720-1792). Allerdings war es trotz überaus harter Arbeit für die Siedler schwer, auf diesen Stellen ein Auskommen zu finden. Zu Recht zogen sie das bittere Resümee: „Den Ersten sien Doad, den Tweten sien Not, den Dridden sien Broad“.
Auch das dünnbesiedelte „öde“ Heideland geriet in den Blick. Gemeinheitsteilungen, Ausbau, Niederlegung von Vorwerken und Vermeierung von Domanial- und Gutsländereien ermöglichten es, neue „Colonien“ für zumeist „kleine Häuslinge“ zu schaffen. Bei all den dadurch erzielten Erfolgen darf nicht vergessen werden, dass es auch negative Folgen gab, wenn „Heide und Weide außerordentlich geschmälert“ wurden; denn in der Plaggenwirtschaft war die Heide ein „notdürftiges Bedürfnis zu Streuung des Viehs und ein unentbehrliches Material des Düngers behuf Treibung des Ackerbaues“. Wie bei den anderen Siedlungen, die in jener Zeit entstanden – genannt seien nur Altensalzkoth (1801-1803) und Adelheidsdorf (1824-1834) im Amt Celle oder Wintermoor (1800) im Amt Soltau –, wird dies auch abgewogen worden sein, bevor aus der Königsheide am Kriegerweg die Siedlung Adolphsheide wurde.
Aus der 1864 erschienenen „Festschrift zur Säcularfeier der königlichen landwirtschaftlichen Gesellschaft zu Celle“ erfahren wir: „Im Amte Fallingbostel ist auf einer zum ehemaligen Amtshaushalte gehörenden, unweit Fallingbostel belegenen Haidfläche von 244 Morgen 112 Quadratruthen in den Jahren 1825 bis 1827 die Colonie Adolpsheide angelegt, welche Fläche an 12 Anbauer nach Meierrecht ausgethan worden ist."
Die "Festschrift" führt dann weiter aus: "Jeder derselben hat an das Domanium [landesherrlicher Besitz] jährlich zu entrichten: Haus- und Hofzins 16 Ggr. 8 Pf., Dienstgeld 2 Thlr. 5 Ggr. 4 Pf., und für ein Rauchhuhn 2 Ggr. [Rauchhühner waren eine Art Grundzins für die Hausstätten, die mit dem Rauchfang (Herd) als dem zentralen Element des Bauernhauses gleichgesetzt, wurden]; auch in Wirthschaftsveränderungsfällen einen Weinkauf von 1 Thl. 2 Ggr. 8 Pf. [Der Teilbegriff „Wein“ rührt nicht etwa von einem möglichen Verzehr von Wein beim Vertragsabschluss her, sondern entspricht etymologisch unserem heutigen Begriff „Gewinn“. Es handelt sich somit um ein „Gewinngeld“. Heute wäre Grunderwerbssteuer zu zahlen.] Dazu haben die Colonisten alle gegenwärtigen und zukünftigen directen und indirecten Abgaben und Steuern, so wie Gefangenwachen- und Chausseedienste zu tragen und abzuleisten.“
Viel hat sich seitdem verändert. Als die Adolphsheider 1925 im Gasthaus Schnehagen den 100. Geburtstag ihrer Siedlung feierten, war die Landwirtschaft noch vorherrschend. Heute dagegen hat sich Adolphsheide mit seinen zahlreichen Neubaugebieten zu einer beliebten Wohngegend gewandelt. Aus dem von Bäumen bestandenen Weg nach Adolphsheide ist eine von Häusern bestandene Straße geworden. An die früheren Lebensverhältnisse erinnert aber noch der Gemeindebrunnen, der zwar versetzt wurde, aber auch in einem Straßennamen wohl noch lange Zeit präsent bleiben wird.