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Archivalie des Monats Dezember 2021: A. T. Whitmore aus Peterborough richtet 1955 eine Weihnachtsbotschaft nach Fallingbostel

Die bunt blinkenden Beleuchtungen in den Straßen und an den Häusern, die unablässige Werbung für Geschenke, die Vorschläge für festliche Essen mit delikaten Speisen und die Black Fridays oder gar Black Weeks kurbeln in den letzten Wochen des Jahres den Konsumrausch an. Dabei sollte Weihnachten eigentlich nichts mit Kommerz zu tun haben. Dagegen enthält den Kern der Weihnachtsbotschaft im Dezember 1955 ein Brief eines ehemaligen britischen Kriegsgefangenen an die Stadt Fallingbostel.

Aus Peterborough schrieb A. T. Whitmore an Fallingbostels Stadtdirektor:

„Sehr geehrter Herr! Ich hoffe, daß Sie mein Schreiben nicht stört und daß Sie in der Lage sind, mir bei meinem Anliegen zu helfen.

Ich möchte mit einem jungen Mann zwischen 16 und 20 Jahren in Englisch korrespondieren; es ist aber auch gleich­gültig, in welchem Alter sich der junge Mann befindet. Der Grund zu dieser An­frage besteht darin, daß mein Sohn 1945 von einer „V I“ getötet wurde, und ich möchte gerne jemanden im gleichen Alter aufnehmen, um ihm in England einen Ferienaufenthalt zu geben. Ich selbst war auch Kriegsgefangener im Stalag 351 in Fallingbostel.

Ich darf diese Gelegenheit benutzen, Ihnen und der gesamten Bevölkerung Fallingbostels ein sehr frohes Weihnachtsfest und ein sehr glückliches neues Jahr zu wünschen, und möge alles Gute Ihnen und der Bevölkerung im kommenden Jahr beschieden sein.

Ich verbleibe ergebenst

Ihr Anthony T. Whitmore.“

Rudolf Klessing druckte den Brief am 16. Dezember 1955 in der „Walsroder Zeitung“ ab. Wie beeindruckt er von dieser Geste des guten Willens war, zeigt sein durch den Brief angeregter Artikel:

„Ein Engländer schrieb an die Stadt Fallingbostel

Es rührt an wie eine Weihnachtsbotschaft

Mister Whitmores Sohn wurde von einer „V1“ getötet - er möchte jetzt einem Jungen aus Fallingbostel eine Freude bereiten

Fallingbostel. Kritiker an der Presse machen es sich zu leicht, wenn sie den Vorwurf erheben, die Presse wühle am liebsten in der Menschheit ganzem Jammer; sie sei darauf aus, Not, Be­drängnis und Untat zu Schlagzeilen und Sen­sationsberichten zu verarbeiten. Es geschieht eben mehr Böses als Gutes und es regnet weitaus mehr Pech als Gold auf die Häupter unserer Zeit­genossen herab. Und das füllt dann die Spalten der Zeitung. Die guten Taten und Begebnisse dagegen sind spärlich gesät oder gelangen zu­mindest nicht zur Kenntnis der Allgemeinheit, sie tun sich im Verborgenen. Umso mehr freuen auch Zeitungsleute sich, wenn sie einmal berichten können, daß die Menschen besser sind als es oft den Anschein erweckt, daß Liebe und Güte auch heute kein leerer Wahn sind. Ein beredtes Bei­spiel dafür scheint uns ein Brief, der in diesen Tagen über den Kanal kam und Fallingbostels Stadtdirektor auf den Schreibtisch gelangte. Denn was darin steht, rührt an wie eine Weihnachtsbotschaft

Der Brief kommt aus Peterborough, einem kleineren Ort in der englischen Grafschaft Northants. Hier, am Broadway, wohnt Mister A. T. Whitmore. Wir wissen nicht sonderlich viel von ihm, eigentlich nur, daß er ein grundgütiger Mensch sein muß. Er zeigt uns, daß Haß nicht zu sein braucht, und daß die Weihnachtsbotschaft des „Friede auf Erden“ kein Ruf in die Wüste sein muß, sondern ein Ruf an unser Herz sein kann, wenn wir es nicht selbst verhärten.

Mister Whitmore geriet während des Krieges in deutsche Kriegsgefangenschaft und lag zu Ende des Krieges im Stalag 351 am Rande von Fallingbostel. Je näher der Krieg seinem Ende zu­ging, desto öfter und hoffnungsvoller gingen die Gedanken des „prisoner of war“ Whitmore nach England, zu seiner Familie, zu seiner Frau und zu seinem Sohn. Erst bei der Heimkehr sollte er erfahren, daß sein Sohn noch in den letzten Wo­chen des Krieges durch eine „V I“ getötet wor­den war.

Bild vergrößern: Winterliches Fallingbostel
Winterliches Fallingbostel

Es wird einer langen Zeit bedurft haben, be­vor diese Wunde im Herzen des Vaters ver­narbte. Ein Rest, so könnte man glauben, und es wäre nur allzu verständlich, würde immer bleiben: ein Rest Schmerz und auch ein Rest Haß auf „die Deutschen“, die seinen Sohn töteten. Statt jedoch in Schmerz und Haß zu verharren, bemühte sich Mister Whitmore um Verstehen, und aus dem Verstehen wuchs sein Entschluß, nicht mit Haß, sondern mit Güte zu vergelten, was ihm Schweres durch den Krieg geschah. Und im Weihnachtsmonat dieses Jahres griff er schließ­lich zur Feder, schrieb nach Fallingbostel und bat, ihm die Adresse eines Jungen zu nennen, der so alt ist, wie sein Sohn heute wäre. Er möchte mit dem Jungen Briefe wechseln, um ihn dann aufzunehmen und ihm in England einen Ferien­aufenthalt zu ermöglichen.

Mister Whitmore gab uns ein Beispiel mensch­licher Hochherzigkeit. Daß es in den Tagen der Vorweihnacht an uns gelangt, könnte uns als Zeichen dünken, — ein Zeichen, das zum Nach­denken aufruft und auch zum Nacheifern.“

Ob beziehungsweise mit welchem jungen Fallingbosteler es zu einem Briefaustausch und eventuell sogar Englandaufenthalt kam, ist leider nicht bekannt.

Bild vergrößern: Artikel von Rudolf Klessing -si- in der Walsroder Zeitung am 16. 12. 1955
Artikel von Rudolf Klessing -si- in der Walsroder Zeitung am 16. 12. 1955