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Archivalie des Monats Januar 2022: August Freudenthals Lebensbild des vor 200 Jahren gestorbenen Robinson-Crusoe-Vorbilds Alexander Selkirk

Der 1851 in Fallingbostel geborene August Freudenthal wurde von Hermann Löns als „Haidsänger“ gewürdigt. Zurecht wurde Freudenthal diese bis dahin noch ungewohnte Bezeichnung zuteil, hatte er es doch mit seinen Gedichten, Erzählungen und journalistischen Arbeiten verstanden, wie er mit berechtigtem Stolz selbst feststellen konnte, „für die so oft mit Unrecht geschmähte, weil verkannte Lüneburger Heide auch in weiteren Kreisen Interesse zu erwecken.“ Mit dem 1880 in dem von Julius Graefe herausgegebenen Jugend- und Volksbuch „Für Herz und Geist“ veröffentlichten Bericht „Der Einsiedler von Juan Fernandez“ wagte sich Freudenthal aber an einen maritimen Stoff.


Bild vergrößern: Bucheinband von "Für Herz und Geist", der 1880 von Julius Graefe herausgegebenen "Jugend- und Volksbuches" mit August Freudenthals Aufsatz "Der Einsiedlung von Juan Fernandez"
Bucheinband von "Für Herz und Geist", der 1880 von Julius Graefe herausgegebenen "Jugend- und Volksbuches" mit August Freudenthals Aufsatz "Der Einsiedlung von Juan Fernandez"

Die Erlebnisse dieses Einsiedlers bildeten die historische Grundlage für Daniel Defoes (1661-1731) im Jahr 1719 erschienenen Roman „Robinson Crusoe.“ Bei dem Einsiedler handelt es sich um den 1676 geborenen schottischen Seemann Alexander Selkirk. Freudenthal begnügt sich aber nicht damit, nur ihn vorzustellen, sondern er geht auch auf das Schicksal „eines Eingeborenen der Moskitoküste“, ein – den Moskito-Indianer Will, der als Vorbild für Robinsons Gefährten Freitag ausgemacht wurde.

Bild vergrößern: August Freudenthal wurde 1851 in Fallingbostel geboren. Seit 1874 wirkte er als Journalist und Schriftsteller in Bremen. Dort starb er 1898
August Freudenthal wurde 1851 in Fallingbostel geboren. Seit 1874 wirkte er als Journalist und Schriftsteller in Bremen. Dort starb er 1898

Um „die Erlebnisse Beider wahrheitsgemäß vorzuführen“ bedarf es historischer Quellen. August Freudenthal fand sie, wie er – für ein Jugendbuch höchst ungewöhnlich – in Fußnoten angibt, für Alexander Selkirk in der „Voyage autour du monde [...] par le Capitaine Wood Roggers“ und für den Moskito-Indianer Wil in William Dampiers 1715 in Rouen in fünf Bänden erschienener „Nouveau Voyage autour du monde.“ Darüber hinaus kann er aber auch in anderen Veröffentlichungen auf diesen Stoff aufmerksam geworden sein, vielleicht im 2. Band der „Geschichte der Schiffbrüche oder Nachrichten von den merkwürdigsten Schicksalen und Begebenheiten der berühmtesten Seefahrer auf ihren Reisen in verschiedene Weltgegenden“, erschienen 1791 in der Vossischen Buchhandlung in Berlin. In einem Nachruf auf den 1898 in Bremen verstorbenen August Freudenthal heißt es jedenfalls: „manches, was ein anderer kaum beachtete, gab ihm Stoff zu einer interessanten Beschreibung, und oft setzte er Stunden daran, um in der Stadtbibliothek nach alten Büchern oder Manuskripten zu suchen“.

Bei seinen Recherchen blieb eines aber offen: Der Bericht über Alexander Selkirk schließt mit der Bemerkung „Sein Todesjahr ist unbekannt“. Heute wissen wir, dass Selkirk vor 200 Jahren am 13. Dezember 1721 als Leutnant an Bord des britischen Kriegsschiffes Weymouth verstarb. Ein Gelbfieber soll ihn dahingerafft haben. Vor der afrikanischen Westküste erhielt er ein Seemannsgrab.

Aber lassen wir jetzt August Freudenthal zu Wort kommen. Sein Beitrag für das Buch „Für Herz und Geist“ ist im Folgenden ungekürzt abgedruckt.

August Freudenthal

Der Einsiedler von Juan Fernandez

Historische Erzählung

Es war im Jahr 1719 als zu London ein Roman unter dem Titel „Leben und Abenteuer des Robinson von York“ erschien, der den auch politisch bekannten Daniel de Foe (geb. 1661 in London, gest. daselbst am 24. April 1731) zum Verfasser hatte.

Dieses Buch erregte in der ganzen civilisierten Welt ein ungeheures Aufsehen, wurde in die meisten europäischen Sprachen übersetzt und rief allein in den Jahren von 1729 bis 50 mehr als vierzig Nachahmungen hervor, die sich bis auf unsere Tage unzählig vermehrten und die man unter dem Gesammtnamen „Robinsonaden“ als einen besonderen Zweig der Literatur zusammenzufassen pflegt. Unter den deutschen Bearbeitungen ist die bedeutendste und verbreitetste der „Robinson der Jüngere“ von dem berühmten Pädagogen und Jugendschriftsteller J. H. Campe. Dieses vortreffliche Jugendbuch erlebte bis zum Jahre 1870 neunundsiebenzig Auflagen und dürfte den meisten unserer Leser nicht unbekannt sein.

Die historische Grundlage des Defoe’schen Romans, sowie des Heeres seiner Nachzügler bilden die Erlebnisses des schottischen Matrosen Alexander Selkirk, der vom Jahre 1704 bis 1709 alleiniger Bewohner der Insel Juan Ferandez im stillen Ocean (66 Meilen von der chilenischen Küste) war, sowie die Schicksale eines Eingeborenen der Moskitoküste, der schon früher auf derselben Insel drei einsame Jahre verlebte. In beiden Personen lassen sich unschwer die Haupthelden des Romans, Robinson und sein wilder Genosse, wiedererkennen.

Möchte der Versuch, die Erlebnisse Beider wahrheitsgemäß vorzuführen, das Interesse unserer Leser gewinnen.

Alexander Selkirk.*)

I.

Gegen Ende des Jahres 1704 kreuzte in den Gewässern der Südsee das englische Kaperschiff „Fünfhafen“ unter dem Commando des Kapitän Stradling. Da zu jener Zeit England in den spanischen Erbfolgekrieg verwickelt war, so hatte dieser Kaper, wie die anderen in allen Weltmeeren kreuzenden, den Zweck, auf spanische Handelsschiffe Jagd zu machen, und war ihm hierzu besonders die spanische Westküste von Südamerika angewiesen.

An Bord des „Fünfhafen“ befand sich u. A. der berühmte Seefahrer William Dampier, der Entdecker des Archipels von Neu-Britannien, der Dampier-Inseln und anderer polynesischer Eilande, sowie auch der Held dieser Geschichte, Alexander Selkirk. Dieser versah auf dem Schiffe den Dienst eines Matrosen und galt für einen der besten Seeleute des „Fünfhafen.“ Er stand damals im Alter von 30 Jahren, hatte schon oft den Stürmen des Oceans getrotzt und war eine kräftige, breitschultrige, wettergebräunte Gestalt. Seine Heimath war die kleine Seestadt Largo am Firth of Forth-Busen in Schottland. Bei der gesammten Mannschaft war Selkirk seines derben und ehrlichen Wesens sowie seiner seemännischen Tüchtigkeit wegen geachtet, aber seine Offenheit und Derbheit, sowie sein zu Zeiten schroff hervortretender Starrsinn verhinderten, daß sich Jemand ihm näher anschloß. Auch bei dem Kapitän Stradling war Selkirk aus letzterem Grund ebenfalls nicht sehr beliebt, denn dieser war ein ähnlicher derber und eiserner, dabei aber hartherziger Character, und es bewahrheitete sich hier wieder einmal, wie so oft im Leben, das alte Sprichwort: „Zwei harte Steine malen selten gut.“ Trotz mancher kleiner Reibereien kam es aber dennoch nicht zum Bruch und zur Entlassung Selkirks, da auch der Kapitän seine seemännische Tüchtigkeit und Erfahrung schätzte.

So standen die Sachen, als im October des Jahres 1704 die „Fünfhafen“ an der Insel Juan Fernandez anlegte, um einige Reparaturen vorzunehmen und sich mit frischem Trinkwasser zu versehen.

Bei dieser Beschäftigung nun kam es am Ufer zwischen einigen Matrosen zum Wortwechsel und Selkirk, der kein Freund von langen Reden war, erlaubte sich zu Gunsten der schwächeren Partei und dem Verbote des ersten Lieutenants zum Trotz mit den Fäusten einzugreifen und so den Anlaß zu einer derben Schlägerei zu geben.

In seiner erhitzten Stimmung wurde er vor den Kapitän geführt, und von diesem zur Rede gestellt, wagte er es, seine Handlungsweise zu rechtfertigen und in seiner derben Weise dem Vorgesetzten zu widersprechen. Im Verlaufe dieses Wortwechsels kam es endlich so weit, daß Selkirk wegen offener Widersetzlichkeit und Beleidigung des Kapitäns gefesselt und in diesem Zustande in den untersten Schiffsraum geworfen wurde.

Als sich die Aufregung Stradlings nach längerer Zeit etwas gelegt hatte, gab er einer milderen Regung Raum. Er ließ den Gefesselten wieder vor sich führen und stellte ihm eine milde Strafe in Aussicht, wenn er vor der versammelten Schiffsmannschaft die ausgestoßenen Beleidigungen zurücknehmen wolle.

Selkirk, dessen Erbitterung sich in dem engen und dumpfigen Schiffsraume noch gesteigert hatte, war hierzu nicht zu bewegen und so befahl denn der Kapitän, daß er zur Strafe ausgesetzt und auf der unbewohnten Insel zurückgelassen werden solle. Unser Held, der sich noch immer im vollen Rechte wähnte, erwiederte Nichts darauf und wurde einstweilen wieder in seine Gefängnis zurückgeführt.

Als am anderen Tage der Zweck der Landung erreicht war und der „Fünfhafen“ wieder segelfertig dalag, wurde Selkirk heraufgezogen, ins Boot gebracht und von drei anderen Matrosen ans Ufer der Insel geleitet.

Hier ließen ihn die Cameraden nach kurzem, herzlichem Abschiede, worauf er jedoch Nichts erwiederte, allein, nachdem sie ihm einige Kleider, ein Bett, eine Flinte nebst Kugeln und einem Pfund Pulver, Taback, ein Beil, ein Messer, einen Kessel, sowie eine Bibel und verschiedene nautische Instrumente und Seebücher übergeben hatten.

Als die drei Matrosen bereits ins Schiff zurückgekehrt waren, blieb dieses noch eine gute Stunde lang vor Anker liegen. Vielleicht erwartete man noch immer, daß der Ausgesetzte sich eines Besseren besinnen und um Gnade anhalten werde. Dieser saß jedoch in stummem Trotz und ohne einen Versuch zu seinen Gunsten zu machen, regungslos zusammengekauert am Ufer.

Erst als er sah, daß der „Fünfhafen“ die Segel aufhißte, fuhr er aus seinem finsteren Starrsinn empor, sprang auf, rief laut um Gnade und feuerte einige Flintenschüsse ab – doch vergebens. Die Geduld des Kapitäns war erschöpft, das Schiff fuhr davon und Selkrik sank muthlos am Ufer nieder.

Er ahnte damals sicher nicht, daß das ihm widerfahrene Unglück ihn wahrscheinlich vor einem größeren bewahrte, denn der „Fünfhafen“ scheiterte bald nachher, und nur Wenige von der Mannschaft wurden gerettet. Unter den Umgekommenen war auch der Kapitän Stradling.

II.

So war Selkirk denn auf der menschenleeren Insel sich selbst überlassen. Als er das Schiff am Horizonte verschwinden sah, erfaßte ihn eine traurige Niedergeschlagenheit und Stumpfheit. Bis zum Abend saß er unthätig und muthlos am Ufer. Mehr als einmal faßte er den Entschluß durch einen Sprung ins Meer oder eine Kugel seinem Leben ein Ende zu machen, seine natürliche Frömmigkeit bewahrte ihn jedoch vor der Ausführung dieser verzweifelten Gedanken. Erst als die Nacht hereinbrach und das herrliche Kreuz des Südens ihm entgegenflammte, wurde seine Stimmung eine friedlichere, und sein Bett zu Füßen eines Baumes aufschlagend, begab er sich zur Ruhe. Ermattet von den Aufregungen des Tages, lag er bald in festem Schlummer.

Als er am folgenden Morgen erwachte, kam wieder das bange Gefühl des Verlassenseins in seiner ganzen Schwere über ihn, doch beschloß er, demselben nicht Raum zu geben, es vielmehr durch eine nützliche Thätigkeit zu bannen. Er stärkte sich durch ein erfrischendes Bad, nahm den Rest der Nahrung, die man ihm gelassen hatte, zu sich und beschloß dann zunächst, sich nach einem geeigneten Wohnplatz für die Dauer seines Aufenthalts auf der Insel umzusehen, sowie diese selbst näher in Augenschein zu nehmen. Die Uferstelle, an welcher man ihn ausgesetzt und wo er die Nacht zugebracht hatte, schien ihm zum dauernden Wohnplatze nicht geeignet, zudem würde ihn dieselbe stets aufs Neue an sein Unglück erinnert haben, und er sah ein, daß er sich solcher trüben Erinnerungen möglichst entschlagen müsse.

Unser Insulaner wählte also unter seinem bescheidenen Hausrath die nothwendigsten Gegenstände: Flinte, Beil, Messer und Kessel aus, steckte etwas Munition und Zündschwamm zu sich, verwahrte das Bett nebst den übrigen Sachen aufs Beste und machte sich schon am selben Vormittage auf den Weg.

Bevor wir unsern Insulaner auf seiner Entdeckungsreise begleiten, mögen einige geographische Notizen über seinen jetzigen Aufenthaltsort hier Platz finden. Die Insel Juan Fernandez ist nur wenige Quadratmeilen groß und 66 englische Meilen westlich von Valparaiso gelegen. Sie erhielt ihren Namen von dem Seefahrer Juan Fernandez, der sich hier im zweiten Viertel des 16. Jahrhundert mit mehreren spanischen Familien so lange niederließ, bis sich die Spanier im Besitze des Festlandes von Chile befanden; dann ging er in der Absicht sein Glück zu machen dorthin, und ließ die Insel unbewohnt, wie er sie gefunden, trotzdem sie vermöge ihrer Lage und Producte im Stande ist eine große Anzahl von Menschen zu ernähren. **) Das Klima ist gesund und so gemäßigt, daß Bäume und Kräuter das ganze Jahr hindurch ihr grünes Kleid behalten. Das Innere der Insel ist von mehreren Gebirgsketten durchzogen, die zum Theil ins Meer auslaufen und niedrige Vorgebirge bilden. Juan Fernandez setzte zuerst hier einige Ziegen aus, die sich stark vermehrten und sich über die ganze Insel verbreiteten. Sie blieben lange die einzigen vierfüßigen Bewohner des Eilandes und wurden später den anlegenden Schiffern eine willkommene Jagdbeute. Von anderen wilden und giftigen Thieren fand Juan Fernandez keine Spur; überhaupt waren außer buntfarbigen Vögeln und Insecten keine lebenden Wesen vorhanden. Doch kehren wir zu unserem Inselbewohner zurück

Auch ihm war sein Exil nicht völlig unbekannt; schon früher war er einmal hier gewesen und wußte, daß es ihm an Nahrung nicht fehlen werde. Damals mußte das Schiff, zu dessen Mannschaft er zählte, eiligst unter Segel gehen, weil zwei französische Kaperschiffe in Sicht waren. In der Eile blieben zwei Leute zurück, die mehrere Monate dort verweilten, bis ihr Schiff aus der Südsee zurückkehrte.

Noch immer traurig und niedergeschlagen schritt unser Held eine Zeit lang am Strande der Insel dahin; endlich aber begann die Schönheit und Großartigkeit seiner Umgebung auch auf ihn einzuwirken und seinen Mißmuth zu zerstreuen. Die üppige Vegetation der Insel, die riesigen Baumstämme, umrankt von blühenden Lianen, schöngefärbte Vögel, die sich auf den Zweigen schaukelten, schillernde Falter, die ihn umflatterten; Dinge, um die er sich zu anderen Zeiten und in anderer Lage wenige gekümmert hätte, begannen nun, da sie gewissermaßen seine Welt ausmachten, auch ihn zu interessiren. Vierfüßige Thiere sah er auf seinem Wege nicht, doch wußte er, daß das Innere der Insel stark von verwilderten Ziegen bevölkert sei. Oft war das Gebüsch vor ihm so dicht und verschlungen, daß er sich mit Beil und Messer erst einen Weg bahnen mußte, doch fand er auch Strecken, die nur mit Gräsern und Blumen bewachsen waren.

So mochte er einige Stunden gewandert sein, als er Halt machte; er hatte seine künftige Wohnstätte gefunden. Es war ein sanft ansteigendes Terrain, das er vor sich hatte, durchströmt von einem klaren Bache, der sich hier ins Meer ergoß. Einige hundert Schritte landeinwärts begannen die ersten Ausläufer des Gebirges, hoch genug, um von ihnen aus einen großen Theil der südlichen Küste der Insel zu überschauen. Hier beschloß Selkirk sich anzusiedeln.

Zunächst bereitete er sich ein Gericht großer Flußkrebse, die er mit leichter Mühe im Bache fing. Auch Fische hätte er in großer Anzahl bekommen können, doch fürchtete er, daß sie nüchtern, ohne Salz zubereitet, ihm schaden würden. Den Rest des Tages verwandte er dazu, seine übrigen Sachen herbeizuholen, mit welcher Arbeit er auch glücklich vor Sonnenuntergang fertig wurde. Wieder bereitete er, wie am Abend des vorigen Tages, sein Lager unter den Zweigen eines Baumes und begab sich zur Ruhe.

In de nächsten Tagen beschäftigte sich unser Held mit dem Bau einer Hütte. Er verwendete hierzu besonders das Holz des Färberbaumes (Pinus Linnaei), der nächst dem Baumwollbaum (?) den wesentlichen Holzbestand der Insel ausmacht. Von beiden Arten fanden sich Stämme von 50 bis 60 Fuß Höhe und fast zwei Ruthen im Umfang. Das Färbeholz diente ihm auch zugleich als Brenn- und Leuchtmaterial, da es seines Harzgehaltes wegen vortrefflich brannte und einen angenehmen Geruch verbreitete.

Als Selkirk das Gerüst seiner Hütte vollendet hatte, deckte er dieselbe mit Rohr und kleidete sie inwendig mit den Fellen der Ziegen aus, auf welche er zu diesem Zwecke fleißig Jagd machte. Auch an das Fleisch dieser Thiere gewöhnte er sich nach und nach. Er aß es, wie das der Krabben und Flußkrebse, bald geröstet, bald gesotten und bereitete treffliche Brühen daraus. Noch immer von trüben Gedenken gequält, aß er anfangs jedoch wenig und nur dann, wenn ihn der Hunger dazu nöthigte, zumal ihm Brod und Salz fehlten, in deren Mangel sich der Europäer schwer zu schicken vermag. Auch legte er sich nur dann zur Ruhe nieder, wenn er sich nicht mehr aufrecht zu erhalten vermochte.

In den ersten Nächten wurde unser Einsiedler häufig von sehr unangenehmen Gästen heimgesucht, die ihm Kleidung und Schuhzeug zernagten und sogar die Beine nicht verschonten. Es waren – Ratten, die wahrscheinlich aus einem hier vor Anker liegenden Schiffe entwischten und sich auf der Insel unglaublich vermehrt hatten. Doch zum Glück fand Selkirk auch dagegen Rath; er hatte nämlich auf seinen Ziegenjagden mehrfach Katzen bemerkt, die auf gleiche Weise wie die unheimlichen Nager hierher gekommen sein mußten. Durch ausgelegtes Ziegenfleisch gelang es ihm, dieselben heranzulocken, so daß sie sich Nachts zu Hunderten um die Hütte lagerten und die gemeinschaftlichen Feinde fern hielten.

Als die erste Hütte fertig dastand, fand unser Insulaner, daß sie für seine Bedürfnisse nicht ausreiche, und so erbaute er eine zweite kleinere daneben, in welcher er fortan seine Mahlzeit zubereitete. Die größere aber diente ihm als Wohn-, Schlaf- und Betzimmer, denn nie war er so fromm gewesen, wie hier in der Einsamkeit, und er glaubte es, in der Folge auch nie wieder so werden zu können.

Obwohl Selkirk in Bezug auf die Nahrung nicht eben wählerisch verfahren konnte, so gelang es ihm doch bald, auch hierin eine größere Abwechselung herzustellen. So fand er auf einem Streifzuge eine große Menge weißer Rüben, die ehemals von der Mannschaft irgend eines Schiffes hier mußten gesäet worden sein und welche jetzt bereits mehrere Acker Landes einnahmen. Ferner gaben die jungen Sprossen verschiedener Bäume ein gutes Gemüse, welches er mit der Frucht des Färbebaumes, die dem Pfeffer von Jamaica an Wirkung völlig gleich kommen soll, würzte. Später fand er noch eine Art wohlschmeckender Pflaumen, die aber nicht leicht zu erhalten waren, da sie nur auf den Spitzen der Berge und Felsen vorkamen.

So lebte denn unser Freund äußerlich ganz leidlich, doch dauerte es Monate, bis seine tiefe Traurigkeit verschwand. Tagelang spähte er oft nach einem Schiffe aus, erblickte deren auch verschiedene, aber um so schmerzlicher war es ihm, wenn sie, ohne anzulegen, am Horizonte verschwanden.

Dazu kam, daß ihm allmählich Zündschwamm und Pulver ausgingen und er sich nach einem anderen Mittel, Feuer zu bekommen, umsehen mußte. Aber gerade in diesem Kampfe mit neuen Schwierigkeiten gewann er seinen vollen Muth wieder.

Nach mancherlei vergeblichen Bemühungen gelang es dem energischen Manne endlich, nach der Weise der Wilden vermittelst zweier hölzerner Stäbe, die er auf dem Knie gegeneinander rieb, Feuer zu machen. Um aber das Ziegenfleisch in Zukunft nicht entbehren zu müssen, gewöhnte er sich an schnelles Laufen und brachte es durch fortgesetzte Uebung so weit darin, daß er mit unglaublicher Geschwindigkeit weite Strecken zurücklegen und die flüchtigen Thiere mit den Händen greifen konnte.

Eines Tages hätte ihm seine Schnelligkeit bald das Leben gekostet. Er verfolgte nämlich eine Ziege mit solcher Hitze, daß er sie erst am Rande eines Abgrundes einholte, den er vor dem Gebüsch nicht rechtzeitig bemerkt hatte. So stürzte er denn zugleich mit der Ziege hinunter und blieb, von dem Sturz betäubt, ohnmächtig liegen. Als er seine Besinnung wieder fand, lag die Ziege todt unter ihm; er aber konnte sich innerhalb der nächsten vierundzwanzig Stunden nicht von der Stelle bewegen. Dann schleppte er sich zu seiner Hütte, welche über eine Meile entfernt lag, und erst nach zehn Tagen konnte er wieder ausgehen.

Als seine Kleider durch das beständige Herumstreichen in Wäldern und Gebüschen gänzlich zerrissen waren, verfertigte Selkirk sich einen Rock und eine Mütze aus Ziegenfellen, die er mit kleinen Riemen zusammen nähte, wobei ihm ein Nagel die Stelle der Nadel ersetzen mußte. Ein neues Messer schmiedete er sich, nachdem das alte bis zum Rücken abgenutzt war, aus einem eisernen Reifen, den er am Ufer gefunden und den er so gut als möglich breitschlug und dann auf einem Stein schärfte.

Auf diese und ähnliche Weise überwand unser Insulaner durch Energie und jugendliche Stärke (er war, wie schon oben bemerkt, kaum dreißig Jahre alt) alle Schwierigkeiten, die ihm in dieser Einöde entgegentraten und verschaffte sich so ein gemüthliches und erträgliches Leben.

Als er sich in Jahresfrist völlig an seine Lage gewöhnt hatte, wurde er heiterer und vertrieb sich die Zeit auf die verschiedenste Weise. Dann stieg er wohl auf die Berge und sang schottische Hochlandslieder, und wenn sie donnernd von Fels zu Felsen widerhallten, träumte er sich zurück in sein Vaterland. Auch richtete er zu seinem Vergnügen Katzen und junge Ziegen ab, so daß sie vor ihm tanzen mußten, und ergötzte sich an ihren possirlichen Sprüngen. Auch beschäftige er sich zuweilen damit, seinen Namen, sowie den Tag seiner Aussetzung in die Rinde der Bäume zu schneiden, und wenn ihn je wieder die alte Trauer anwandelte, suchte und fand er Trost und Frieden im Lesen der heiligen Schrift.

Selkirk lebte bereits zwei Jahre auf der Insel, als er zum ersten Male nach seiner Aussetzung wieder Menschen erblickte. Er befand sich gerade auf der Ziegenjagd im Gebirge, als er von einer hohen Bergesspitze aus am südlichen Horizont zwei Schiffe entdeckte, die sich der Insel näherten. Nach längerer Beobachtung fand er ferner, daß sie dem Orte seiner Aussetzung zusteuerten. Obgleich ihm bei dieser Wahrnehmung das Herz vor Freude und Hoffnung höher schlug, war er doch vorsichtig genug, kein Feuer anzuzünden, da er nicht entdecken konnte, welcher Nationalität die beiden Schiffe angehörten. Vorsichtig näherte er sich dem Landungsplatze, der fast eine Meile entfernt war und langte dort gerade in dem Augenblicke an, als von einem der Schiffe ein Boot an’s Land geschickt wurde, in welchem zwei Personen sich befanden. Als diese am Ufer landeten, siegte die Sehnsucht des Verlassenen, wieder mit Menschen zusammenzutreffen, über seine Vorsicht; er näherte sich den Schiffen und sah dann erst mit Schrecken, daß es Spanier seien, als er auch ihnen bereits zu Gesicht gekommen war. Als die beiden Spanier den sonderbar gekleideten Menschen erblickten, griffen sie zu den Waffen und schossen auf ihn, schickten sich auch sofort zu Verfolgung an. Dank seiner Kraft und Fertigkeit im Laufen entkam Selkirk ihnen, flüchtete sich in den Wald und versteckte sich auf einem Baume. Hier blieb er unbemerkt, obgleich die beiden Matrosen ganz nahe bei dem Baume herumstreiften und vor den Augen des Furchtsamen mehrere Ziegen erlegten. Erst am folgenden Tage, nachdem die Spanier wieder in See gegangen waren, wagte Selkirk wieder zu seiner Hütte zu gehen, wo er zu seiner Freude Alles unverändert fand.

Er gestand später, daß er sich lieber einem französischen Schiffe übergeben haben würde, als den Spaniern, die ihn entweder getödtet oder zur Arbeit in den Bergwerken würden verurtheilt haben, damit er anderen, etwa landenden Fremden keine Nachricht von dem Kreuzen spanischer Kaper in dieser Gegend hätte geben können.

Es war dies das einzige Abenteuer mit Menschen, das er während seines mehrjährigen Aufenthalts auf der Insel erlebte. Da weiter keine Schiffe anlegten, so hatte er sich schon darein ergeben, hier verlassen und vergessen sterben zu müssen. Doch auch für ihn schlug endlich die Stunde der Erlösung.

III.

Im Jahre 1709 rüsteten einige Privatleute in England zwei Kaperschiffe aus, welche den Namen „Der Herzog“ und „Die Herzogin“ führten. Die Befehlshaber derselben waren Kapitain Wood Roggers und der schon obenerwähnte Seefahrer und Entdecker William Dampier.

Diese Schiffe verließen am 2. August 1708 den Hafen von Bristol und befanden sich Anfangs Januar des folgenden Jahres auf dem 61. Grade 53 Min. südlicher Breite, nah dem Polarkreise. Sie waren weiter nach Süden gekommen, als je ein Seefahrer vor ihnen und wendeten hier wieder um. Kapitain Roggers umsegelte hierauf das Cap Horn, ohne anzulegen, und landete im Februar 1709 auf der Insel Juan Fernandez. Hier entdeckte man vom Schiffe aus ein Feuer am Ufer, und die ausgeschickte Pinasse kam mit einer Menge Krebse und einem Menschen zurück, der von Kopf bis zu Fuß mit Ziegenfellen bekleidet war und von der ganzen Mannschaft seines langen Haupt- und Barthaares wegen mit Verwunderung betrachtet wurde.

Dieser wilde Mann war unser Alexander Selkirk, der nach 4 Jahren und 4 Monathen unfreiwilligen Exils jetzt zum ersten Male wieder mit Landsleuten zusammentraf und die Laute seiner Muttersprache vernahm. Sobald unser Insulaner der englischen Schiffe ansichtig geworden, hatte er ein Feuer angezündet und war den Leuten der Pinasse unter lauten Freudenbezeugungen entgegengekommen.

Mit Spannung lauschte die Mannschaft der Erzählung seiner Erlebnisse, die er in gebrochenen Lauten und halbverschluckten Worten vortrug, so daß man Anfangs ihn kaum verstehen konnte.

William Dampier bestätigte seine Angaben, soweit sie Selkirks Aussetzung durch Kapitain Stradling betrafen, und versicherte dem Kapitain Roggers, daß dieser Mann damals einer ihrer besten Seeleute gewesen, worauf ihm die Stelle eines Bootmannes ertheilt wurde.

Selkirk trug gerade sein letztes selbstgefertigtes Hemd, als man ihn auffand. Es fiel ihm Anfangs äußerst schwer, sich wieder an andere Kleidung zu gewöhnen, ebenso fand er in der ersten Zeit wenig Geschmack an europäischen Speisen und Getränken. Als man ihm bei seiner Ankunft auf dem Schiffe Branntwein anbot, wies er denselben kopfschüttelnd zurück. Er erfuhr es an sich selber, daß einfaches und natürliches Leben über Alles geht, denn als er sich später wieder an europäische Fleischspeisen und Getränke gewöhnt hatte, nahmen seine Kräfte merklich ab.

Einige Tage nach der Aufnahme Selkirks wurde von der gesammten Mannschaften eine Ziegenjagd auf der Insel veranstaltet. Hier bewies unser Insulaner seine Kraft und Behendigkeit; er that es im Laufen den schnellsten Hunden zuvor, griff die Ziegen mit den Händen und brachte sie auf dem Rücken zurück. Er hatte während seines unfreiwilligen Exils an fünfhundert dieser Thiere erlegt und eine gleiche Anzahl an den Ohren gezeichnet. Dreiunddreißig Jahre später wurden von der Mannschaft des Admirals Georg Anson noch mehrere dieser gezeichneten Thiere geschossen.

Selkirk bewies durch sein folgendes Leben, daß ihn sein Aufenthalt auf Juan Fernandez wahrhaft fromm gemacht und an Gemüth und Charakter veredelt habe.

Sein Todesjahr ist unbekannt.

Wil, der Moskite. ***)

Alex. Selkirk war nicht der Erste gewesen, der auf Juan Fernandez ein unfreiwilliges Einsiedlerleben führten mußte.

Am 26. Dec. 1680 erschienen mehrere englische Kaper unter dem Kommando von Kapitain Sharp vor der Insel und ankerten an der östlichen Küste, um Wasser und Ziegenfleisch einzunehmen.  Hier brach eine Meuterei unter der Mannschaft aus, welche damit endete, daß Sharp einstimmig gefangen genommen und des Kommandos enthoben wurde, und ein alter Freibeuter und erfahrener Seemann Johann Watling an seine Stelle trat.

Unter der Mannschaft befanden sich mehrere Indianer von der Moskitoküste, unter ihnen zwei, denen man die Namen Wil und Robin gegeben hatte. Die Moskiten nahmen damals häufig Dienste auf englischen und französischen Schiffen, und waren wegen ihrer Geschicklichkeit im Jagen und Fischen allen Kapitainen willkommen.

Die Kaper hatten schon den größten Theil ihres Vorraths eingenommen, als plötzlich am 12. Januar 1681 drei spanische Kriegsschiffe an der Insel erschienen. Die Engländer waren zu schwach zum Widerstande und begaben sich schnell an Bord, um der drohenden Gefahr zu entkommen. Bei der Eile, mit welcher die Flucht vor sich ging, blieb einer von der Mannschafft auf der Insel zurück, nämlich der Moskite Wil. Er hatte sich in den Wäldern verirrt und jagte den Ziegen nach, als das Signal zur Abfahrt gegeben wurde, so kam es, daß die Schiffe bereits weit entfernt waren, als er am Ufer anlangte. Hier entdeckten ihn die Spanier, welche sofort anlegten, um ihn zu greifen, er aber war bereits wieder ins Innere der Insel geflohen und hatte sich so sicher versteckt, daß die Verfolger unverrichteter Sache absegeln mußten.

Wil’s ganze Habseligkeiten bestanden aus einem Messer, einer Flinte, einem kleinen Pulverhorn und dem nöthigen Blei. Seine Hülfsmittel waren also weit bescheidener, als die Selkirks, dafür war aber auch Wil ein einfaches Naturkind und weniger an die Bedürfnisse des Europäer’s gewöhnt.  Als Blei und Pulver auf die Neige gingen, sägte er mit seinem Messer, das er dazu eingerichtet hatte, den Lauf der Flinte in kleine Stückchen, aus denen er sich Harpunen, ein langes Messer und sogar Fischangeln verfertigte. Feuer schlug er, wie er es bei den Engländern gesehen hatte, mit seinem Messerrücken und dem Stein seiner Flinte, dann glühte er die Stücke des Laufs, bearbeitete sie mit harten Steinen und gab ihnen die gewünschte Form.

Sein Fleiß und sein Erfindungsgeist verschafften ihm alle diejenigen Lebensmittel, welche auf der Insel zu bekommen waren. Als er noch keine Angel besaß, mußte er eine Zeitlang Seekälber (? Manatus australis, Til.) essen, deren Fleisch ihm jedoch nicht schmecken wollte. Später stellte er aus ihrer Haut die Leinen zu seinen Angeln her. Eine halbe Stunde vom Ufer hatte er sich eine Hütte erbaut und sie mit Ziegenfellen bedeckt. Seine Kleider waren bald gänzlich zerrissen; er trug dann nur ein um die Lenden geschlungenes Ziegenfell.

Nach drei Jahren und einigen Monaten schlug auch für ihn die Stunde der Befreiung.

Im August 1683 machte sich nämlich ein Trupp Freibeuter und Abenteurer, zu denen auch Dampier sich gesellte, von Achamac in Virginien unter dem Commando das Kapitain Cook auf den Weg, um an den Küsten von Peru und Chile zu kreuzen. Nach manchen Widerwärtigkeiten landeten sie endlich am 23. Mai 1684 in einer Bai auf der Südküste von Juan Fernandez. Sie setzten sogleich die Schaluppe aus und gingen ans Land, um sich nach dem vor drei Jahren zurückgelassenen Moskiten umzusehen.

Wil hatte schon am Tage vor der Landung das Schiff erblickt, und in der Hoffnung, daß es ein englisches sein möge, drei Ziegen erlegt und nebst einem guten Gemüse zubereitet, um die Mannschaft am Lande bewirthen zu können.

Als die Schaluppe anlegte, kam er ans Ufer herab und wünschte den Engländern Glück zur Ankunft. Sein früherer Freund und Landsmann Robin, der mit an Bord war, sprang zuerst ans Land, lief auf Wil zu und warf sich der Länge nach zu dessen Füßen, mit dem Gesicht zur Erde gekehrt. Wil hob ihn auf, und es erfolgte von seiner Seite dasselbe Ceremoniel. Die Engländer ergötzten sich an dieser Scene, gingen darauf gleichfalls auf Wil zu und umarmten ihn. Unser brauner Robinson war außer sich vor Freude, seine alten Kameraden wieder zu sehen, die, wie er wähnte, allein um seinetwillen hierhergekommen.

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Hiermit beschließen wir unsere Mittheilungen über die historischen Grundlagen des Defoe’schen Robinson, indem wir hoffen, daß dieselben unseren Lesern mindestes ebensoviel Freude bereitet haben werden, als uns die Zusammenstellung derselben aus den Reisen Dampiers und Rogger’s, sowie aus anderen einschlägigen Quellen.

                                    August Freudenthal

*) Voyage autour du monde en 1709-1711, par le Capitaine Wood Roggers. Amsterdam 1751 u. A.

**) Jetzt befindet sich auf der Insel ein Depot für Walfischfänger und, wenn wir nicht sehr irren, auch eine deutsche Colonie.

*** Dampier’s Reisen, I. V., Rouen 1715. – Wir geben diesen Bericht in möglichster Kürze, da er Vieles mit dem vorigen gemein hat.