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Archivalie des Monats Februar 2022: "Bedienen Sie sich selbst" - 1958 wurde der erste Selbstbedienungsladen in Fallingbostel eingerichtet

Der Online-Handel erlebt – verstärkt durch die Corona-Pandemie – einen erheblichen Boom. Die Auswirkungen auf die Geschäftsinhaber vor Ort werden beträchtlich sein. Vor 65 Jahren war es die Eröffnung des ersten „Supermarktes“ in Deutschland, die einen nicht minder bedeutsamen Wandel ankündigte. Auch in Fallingbostel wurden neue Wege beschritten: im Juni 1958 richtete Wilhelm Wildung den ersten Selbstbedienungsladen in der Kreisstadt ein.

Bild vergrößern: Luftbild von Wilhelm Wildungs Lebensmittelladen in der Hermann-Löns-Straße
Luftbild von Wilhelm Wildungs Lebensmittelladen in der Hermann-Löns-Straße

Natürlich konnte Wilhelm Wildungs „Lebensmittelhaus“ in der Hermann-Löns-Straße in keiner Weise mit dem – nach den Worten seines Betreibers Herbert Eklöh – „größten Supermarkts Europas“ mithalten, der am 26. September 1957 in Köln-Ehrenburg auf Basis der früheren Rheinlandhalle eingeweiht wurde. Angepriesen wurde er im „Kölner Stadtanzeiger“ mit den Worten: „2000 Quadratmeter Ladenfläche bieten Ihnen: Volle Selbstbedienung – Zwangloses Einkaufen – Alles unter einem Dach – Immer frisches Fleisch, Obst und Gemüse – Imbißecke – Eigene Konditorei – Gebrauchsartikel – Niedrige Preise – 3 % Rabatt auf alle Waren.“ Der Parkplatz war auf 200 Autos ausgerichtet, aber auch Motorräder und Fahrräder konnten abgestellt werden.

Dieser erste Lebensmittelladen, der sich in Deutschland Supermarkt nannte, stand am Anfang einer Erfolgsgeschichte, die im Laufe der Jahre Auswirkungen bis ins kleinste Dorf haben sollte. Es war der Startschuss für eine Entwicklung, bei der schließlich nur die Vergrößerung der Verkaufsfläche und der Anschluss an eine Lebensmittelkette einen Fortbestand garantierten. Kleinere, selbständig geführte Lebensmittelgeschäfte konnten sich gegenüber dieser Konkurrenz letztlich nicht behaupten.

Wie „riesig“ Herbert Eklöhs „Supermarkt“ war, zeigt ein Vergleich mit der von Peter Albrecht erstellten Statistik für Braunschweig: Dort betrug noch 1975 die durchschnittliche Verkaufsfläche für selbständige Betriebe des Nahrungs- und Genussmittelgewerbes nur 67,5 Quadratmeter! Wird hinzugenommen, dass der je Quadratmeter Verkaufsfläche in diesen Ladengeschäften erzielte Umsatz weit unter jenem der Vollsortimenter lag, die bezogen auf Verkaufsfläche und Umsatz weitaus weniger Personal benötigten, dann kann das Verschwinden des „Händlers um die Ecke“ und der „Tante-Emma-Läden“ kaum verwundern.

Auch wenn es in den Regionen abseits der Großstädte dauern sollte, bis dieser Trend richtig griff, spürten schon Ende der 1950er Jahre die Lebensmittelhändler auch auf dem Lande den Zwang, ihre Attraktivität zu steigern. Es führte kein Weg daran vorbei, mit zum Teil nicht unerheblichen Investitionen das Ladengeschäft zu modernisieren. In Fallingbostel war es Wilhelm Wildung, der 1958 diesen Schritt wagte. Er richtete den ersten Selbstbedienungsladen ein.

Der Bericht der „Walsroder Zeitung“ vom 21. Juni 1958 lässt erahnen, dass die für uns heute zur Selbstverständlichkeit gewordene Selbstbedienung damals durchaus auch argwöhnisch betrachtet wurde. Der „Kundin“, von der vornehmlich die Rede ist, gehörte es damals doch zum Rollenbild der Ehefrau, sich um Haushalt und Kinder zu kümmern, müssen die Vorteile der neuen Einkaufsweise erst noch erläutert werden. Für heutige Verhältnisse, in der die großen Handelsketten auch in Städten mit 25.000 Einwohnern schon Märkte mit 4.000 bis 5.000 Quadratmeter Verkaufsfläche betreiben, muss es geradezu idyllisch anmuten, in einem Lebensmittelgeschäft mit einer Tiefe von 12 Metern einzukaufen – und das bei einer Kundenfrequenz von nur 20 in einer knappen halben Stunde!

Aber lesen Sie selbst:

Bild vergrößern: Anzeige von Wilhelm Wildung im "Heimat- und Adreßbuch 1960 Landkreis Fallingbostel"
Anzeige von Wilhelm Wildung im "Heimat- und Adreßbuch 1960 Landkreis Fallingbostel"

„Bedienen Sie sich selbst!“

Lebensmittelhaus W. Wildung richtete den ersten Selbstbedienungsladen Fallingbostels ein

Die Idee der Selbstbedienungsläden kommt, wenn wir recht unterrichtet sind, aus den Vereinigten Staaten. In Deutschland wurde sie anfänglich zögerlich aufgenommen. Nachdem die deutschen Schrittmacher dieses Verkaufsprinzips jedoch auf beste Erfahrungen verweisen konnten, fanden sie sehr bald auch Nachfolger. Heute sind die Selbstbedienungsläden, zumindest in den größeren Städten, nicht mehr hinwegzudenken. Und auch in kleineren Orten zieht der Einzelhandel allmählich nach. Dabei wird im Übergang vom Laden alter Art zum Selbstbedienungsladen sehr oft die Teilselbstbedienung bevorzugt. Von den deutschen Einzelhandelsgeschäften der Lebensmittelbranche haben heute etwa 300 auf Selbstbedienung umgestellt. Es darf angenommen werden, daß die Selbstbedienung in allen Branchen, in denen sie möglich ist, das Verkaufsprinzip von morgen darstellt.

Das erste Selbstbedienungsgeschäft der Kreisstadt hat jetzt das Lebensmittelhaus Wilhelm Wildung in der Hermann-Löns-Straße eingerichtet. Voraussetzung dafür waren wesentliche räumliche Voraussetzungen des alten Ladens. Die Verkaufsfläche wurde auf die hinteren Lager- und Nebenräume ausgedehnt und dadurch fast verdoppelt. Wer das Geschäft heute betritt, erkennt es kaum wieder. Die Größe ist ungewohnt. In 12 Meter Tiefe sind die Seitenwände mit offenen Regalen bedeckt, in denen die abgepackte Ware übersichtlich und sorgfältig ausgezeichnet lagert. Das gleiche gilt für die Verkaufsgondeln in der Mitte des Raumes. Sie sind nach Warenarten gruppiert und ermöglichen es der Hausfrau, das Gesuchte auf den ersten Blick zu finden. Der Laden wirkt freundlich, hell und sehr übersichtlich. Die Regalbeleuchtung läßt ihn durch die großen Glasflächen der Ladenfront, also von der Straße her, wie ein einziges großes Schaufenster erscheinen. Die Anordnung der einzelnen Warengruppen ist so, daß sie der gefühlsmäßigen Neigung der Kundin zum „Rechtsverkehr“ entgegenkommt. Man merkt, daß bei der Einrichtung des Selbstbedienungsladens die modernsten Erfahrungen verwertet wurden.

„Mit der Umstellung auf Selbstbedienung möchte ich meinen Kunden dienen“, erklärt Herr Wildung die Modernisierung des altrenommierten Geschäftes. Die Teilselbstbedienung, die er schon seit längerer Zeit eingeführt hat, ergab eindeutig, daß die Hausfrau das neue Verkaufsprinzip begrüßt. Die Vorteile der völligen Selbstbedienung liegen auf der Hand. War früher stärker zu tun, mußte sich der eine Kunde hinter den anderen stellen und darauf warten, bis die Reihe an ihm war. Das machte den, der gerade „dran“ war, nervös und verlangte dem Wartenden Geduld ab. Heute nimmt sich jeder Kunde, gleichgültig, wieviel Kunden gleichzeitig im Laden sind, seinen Drahtkorb, tritt an die Regale und Gondeln und sucht in aller Ruhe aus, ohne sich vom anderen bedrängt oder beobachtet zu fühlen. Am Donnerstagabend konnten wir beobachten, wie etwa 20 Kunden in einer knappen halben Stunde bequem abgefertigt wurden. Das Stoßgeschäft und der Freitag- und Sonnabendeinkauf haben ihren Schrecken verloren, sowohl für den Verkäufer als auch für den Kunden. Auch wer es eilig hat und nur eine Kleinigkeit erstehen will, kann sich heute schnell bedienen, ohne sich „vorzudrängen“. Gerade die Stammkundin des Lebensmittelhauses Wildung ist es, die heute bereits der Umstellung „ihres“ Geschäftes auf Vollselbstbedienung (ausgenommen sind lediglich Wurstwaren, Käse, Brot und Brötchen) begeisterten Beifall zollt.

In der vor Jahren geführten Diskussion über das Prinzip der Selbstbedienung wurde als stärkstes Argument dagegen angeführt, daß die Kundin den Kontakt mit dem Verkäufer vermissen müßte. Das hat sich als irrig erwiesen. Das Verkaufspersonal wird durch die Selbstbedienung so sehr entlastet, daß es sich jetzt weit mehr um die Kundin kümmern kann; es wurde vom Kundenbediener zum Kundenberater. Das sind, alles in allem, Vorteile, die von der Kundin dankbar begrüßt werden. Der Vollständigkeit halber wollen wir auch erwähnen, daß das Lebensmittelhaus Wildung auch die Milch in seinen Verkauf aufgenommen hat.

Quellen: Walsroder Zeitung vom 21. Juni 1958

Peter Albrecht: Braunschweig und der Kaffee. Die Geschichte des Röstkaffeemarktes von den Anfängen bis in unsere Tage. Göttingen 2018