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Archivalie des Monats März 2022: Wirklich „der ödeste Teil der Lüneburger Heide“? – Postkarten aus Fallingbostel um 1900

Sehr schmeichelhaft klingt nicht, was 1904 in „Meyers Großem Konversations-Lexikon“ im sechsten Band „Erdeessen bis Franzén“ über Fallingbostel und sein Umland mitgeteilt wurde: „Fallingbostel, Dorf und Hauptort des gleichnamigen Kreises im preuß. Regbez. Lüneburg, an der Staatsbahnlinie Walsrode-Soltau, hat eine evang. Kirche und (1900) 1070 Einw. Der Kreis F. umschließt den ödesten Teil der Lüneburger Heide.“ Einige Postkarten, die um 1900 entstanden, mögen beweisen, dass es – zumindest im Ort – gar so trist nicht aussah.

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"Meyers Großes Konversations-Lexikon" 1908: Eintrag "Fallingbostel"

„Meyers Großes Konversations-Lexikon“ kolportierte immer noch die (Vor-)Urteile über die Lüneburger Heide, die erst von den in Fallingbostel geborenen Brüdern Friedrich und August Freudenthal (1849-1929 bzw. 1851-1898) und in der Folge dann auch von Hermann Löns (1866-1914) widerlegt wurden. Die dünn besiedelte, abseits der Hauphandelsrouten gelegene Lüneburger Heide wurde Ende des 19. Jahrhunderts von ihnen „entdeckt“ und den Hamburgern, Bremern und Hannoveranern als idyllische Sommerfrische nahegebracht. Der Anschluss Fallingbostels an das Eisenbahnnetz 1896 machte es den Großstädtern leicht, hier ihren Urlaub zu verbringen oder zumindest einen Tagesausflug in das „Paradies der Heide“, wie August Freudenthal seinen Geburtsort nannte, zu unternehmen.

Aufgrund des starken Zustroms von Touristen wurden damals schon zahlreiche Postkarten des Ortes aufgelegt. Vier Motive sollen unterstreichen, dass die Einschätzung der Lexikon-Redaktion längst nicht mehr zutraf. Fallingbostel hatte sich herausgeputzt. Schon vier Jahre nach dem Lexikon-Eintrag stellte Franz Gabain in seinem 1908 erschienenen „Wanderbuch durch die Lüneburger Heide und ihre Grenzgebiete“ fest: „Tüchtige Fußgänger finden in Fallingbostel nicht nur einen schönen Aufenthaltsort, sondern auch einen außerordentlich geeigneten Ausgangspunkt für Wanderungen in die herrlichen Forste und Heideflächen der Südheide sowie die Moore bis an die Aller heran. In noch weit höherem Maße ist dieses für den Radfahrer der Fall. Für diesen ist ein besseres Standquartier für Fahrten in Wald und Heide nicht denkbar. Selbst bei mehrwöchentlichem Aufenthalt wird es kaum möglich sein, die Möglichkeit an Ausflügen zu erschöpfen.“

Die ersten Postkarten, die um 1900 verschickt wurden, fangen dieses besondere Flair Fallingbostels sehr gut ein – auch wenn die Zeichner an der einen oder anderen Stelle die Ansicht etwas „anhübschen“, geschickt die Perspektive auswählen, manche Nebendinge weglassen sowie Plätze größer und Straßen breiter darstellen, als sie sich den Urlaubern und Einheimischen darboten.


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Gruss aus Fallingbostel vom 2. Juni 1895

Die wohl älteste Fallingbosteler Postkarte wurde am 2. Juni 1895 verschickt. Herausgebracht hatte sie der Verlag von Georg Gronemann in Walsrode, in dessen Nachfolge heute die „Walsroder Zeitung“ erscheint. Besonders den Blick aus der Lieth genossen die Sommerfrischler. Viele von ihnen nahmen im direkt gegenüber der Kirche gelegenen „Hotel zur Lieth“ Quartier. Die St. Dionysius-Kirche hatte damals noch keinen steinernen Glockenturm, er wurde erst 1905 errichtet. Auf dem Kirchplatz befand sich noch das Denkmal für die Gefallenen des deutsch-französischen Krieges 1870/71. Quintus-Icilius schaute damals auch noch in andere Richtung. Sein Denkmal wurde in den 1970er Jahren leicht versetzt und gedreht, als die Ortsdurchfahrt verbreitert wurde.


Bild vergrößern: Gruss aus Fallingbostel 1897
Gruss aus Fallingbostel 1897

Sechs Motive wurden auf der 1897 geschriebenen Postkarte zusammengefügt. In der Mitte der oberen Reihe ist die „Celler Straße“ abgebildet. Seit der Anlegung des Truppenübungsplatzes Bergen Mitte der 1930er Jahre trägt sie den Namen „Vogteistraße“, denn die altehrwürdige Residenzstadt konnte man auf ihr nun nicht mehr ansteuern. Als Inhaber des späteren Leiditz-Geschäfts wird noch C. Jul. Zuberbier genannt. Die Rubachsche Mühle mit der charakteristischen Böhmebrücke gehört längst der Vergangenheit an.

Übrigens waren damals die Rückseiten der Postkarten ausschließlich der Empfängeradresse vorbehalten. Wer textlich etwas mitteilen musste, konnte dies nur auf der Vorderseite mit den Bildern tun. Dabei wurde jedes noch so kleine freigelassene Fleckchen benutzt.


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Gruss aus Fallingbostel 1898

Das „Landraths-Amt“, auf dessen Platz heute das Rathaus steht, ist auf der Postkarte aus dem Jahr 1898 gut getroffen. Bei der seitenverkehrt angedeuteten Kirche ließ der Zeichner allerdings seine Fantasie frei walten. Damals befand sich der zwei Jahre zuvor eingeweihte Bahnhof noch am Ortsrand. Besonderes Augenmerk wird auf die den Ort durchschlängelnde Böhme und die Lieth mit dem Haus des von Quintus-Icilius gegründeten Lieth-Clubs gelegt.


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Gruss aus Fallingbostel vom 25. Juni 1900

Die am 25. Juni 1900 verschickte Postkarte variiert Motive, die auf den anderen Postkarten bereits dargestellt worden waren. Der in der runden Vignette dargestellte Kirchplatz ist äußerst großzügig dimensioniert. Normalerweise verkehrten Kutschen weitaus enger um das Kriegerdenkmal in seiner Mitte. Aber nicht nur Ausfahrten unternahmen die Sommergäste, sondern sie liebten auch Kahnpartien auf der Böhme wie das Paar, das unterhalb des Hauses des Lieth-Clubs zu sehen ist.