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Archivalie des Monats April 2022: Arno Schmidt unternimmt 1948 »De Reis no Falling«

Arno Schmidt (1914-1979) gilt als sprachmächtigster deutscher Autor in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Zum freien Schriftsteller wurde er während seines Aufenthalts auf dem Cordinger Mühlenhof von Ende 1945 bis Ende 1950. Mit seiner Ehefrau Alice lebte er dort in bitterer Armut. Ohne die CARE-Pakete, die seine in die USA ausgewanderte Schwester Lucy, verheiratete Kiesler, schickte, hätten sie sich kaum durchschlagen können. Abholen mussten sie die Pakete in Fallingbostel. So machten sie sich auch am 5. Oktober 1948 auf „De Reis na Falling“, die Arno Schmidt in einem Gedicht beschrieb.

Alice Schmidt hat das Gedicht ihres Mannes als handschriftliche Beilage ihrem Tagebuch des Jahres 1948 beigefügt. Abgedruckt ist „Der Reis na Falling“ in der von Susanne Fischer herausgegebenen Edition „Alice Schmidt: Tagebücher der Jahre 1948/49. Suhrkamp Verlag Berlin, 2018“. Dem Text ist anzumerken, dass Alice (1916-1983) im schlesischen Greiffenberg geboren war, wo der aus Hamburg stammenden Arno sie bei seiner Arbeit in den Greiff-Werken kennen lernte. Er nannte sie Lilli, während sie ihn mit Hinweis auf sein nicht einfaches Temperament gleichwohl immer noch liebevoll als „Nödl“ bezeichnete.


De Reis no Falling


Und endlich war der hohe Tag erschienen

Das Koffer-Ührdel zeigte derb halb zwei

Wir schritten rüstig aus mit frohen Mienen

bei Niebeln und der Spruchkamer vorbei

Und wiederholt durchkreuzten wir die Schienen

wo vormals Pulver siedete die Ei-

bia, und sahn im Muff-Ort Bommelitzen

das Petri-Schild & die Tankstelle blitzen,

der schwarze Weg war noch nicht halb durchschritten

da kreuzt ein Wolfshund drohend unsren Pfad

Von hinten kamen Radfahrer geritten

dieweil des Waldes grüner Schatten naht

und bald umleuchtet uns in Heimesmitten

der Krempatütchen goldne Scheibensaat

Am Hof zu Wenzingen schlich das Gesinde

lud auf man oder ab? Nicht kann ichs künden

Ein weißes Zicklein sprang mit lustigem Meckern

& fühlt im Herzen holden Freiheitsstich.

Kartoffelweiber gafften von den Äckern

indes ein Lerchenschwarm vorüberstrich

im nahen Eichwald hörten wir ein Keckern

und mutig wälzt der rote Eichkatz sich

bald grüßen rot & weiß aus Wiesen Gründen

die ersten Häuser Fallings durch die Linden

natürlich war die Sparkas schon verschlossen

geschmacklos prahlt im Fenster Ro Ro Ro

wir lachten dieser Sorgen unverdrossen

& schritten lustig hin zum Care-Büro

schon warteten dort 20 Zeitgenossen

es gab wie immer wieder manch Hallo

Mit alten Weibern, Jugoslawen, Polen,

das ganze Kropzeug mag der Teufel holen!

Wohl ist der Rückweg lang & unerfreulich

wohl wankt die kleine Lil auf müden Füßen

wohl braust der Himmel hohl, der Wind abscheulich

wohl sieht man Schweiß von Nödls Antlitz fließen

wohl schmerzt der Nacken sehr, der Hacken greulich

doch winkt am Ziel das herrlichste Genießen.

Die Pickernsammlerin erfleht die Stunde

Mühlos gibt ihr der Vice-König Kunde.

Und wieder schlich der dicke Hund entgegen

Ein Knabe wähnt ich trüg' ein Radio

Just wo die Flüchtlingskolonne gelegen.

Ein leerer Omnibus vorüber floh

ein Menschenschwarm quoll müd aus den Gefahren

der chem. Fabrik von Wolf & Co

wir eilten seitwärts durch die Lärchenschonung

Zum Mühlenhof, zu der 1-Zimmer Wohnung.

wohl wäre vieles Euch noch zu berichten:

wie hurtig weiße Häselschwänze fliehn

wie um die Stäm der Buchen & der Fichten

Eichkätzchen ihre Feuerringe ziehn

auch lauschtet ihr wohl gerne den Geschichten

wie bunte Astern still vor Villen blühn

doch viel zu lang sich wohl die Stunden dehnten

hier hat ein End die Mär vom 5. 10.!


Erläuterungen


Spruchkamer

Für das am Rande des Truppenübungsplatzes gelegene Internierungslager Fallingbostel (C.I.C. No. 3 Fallingbostel), in das die britischen Besatzungsbehörden aufgrund automatischer Arrestkategorien Angehöriger bestimmter NS-Organisationen einlieferten, war 1947 das Spruchgericht Benefeld-Bomlitz eingerichtet worden. Im Rahmen der Entnazifizierung war es zuständig für die Aburteilung von Angehörigen verbrecherischer NS-Organisationen wie beispielsweise der SS, der Waffen-SS, des SD, der Gestapo oder des Korps der Politischen Leiter.


Eibia

Bild vergrößern: Firmenlogo der EIBIA G.m.b.H. für chemische Produkte
Firmenlogo der EIBIA G.m.b.H. für chemische Produkte

Die EIBIA G.m.b.H. für chemische Produkte war ein Tochterunternehmen der Firma Wolff & Co. in Bomlitz. Von 1938 bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges entwickelte sich die EIBIA G.m.b.H. mit fünf Produktionsanlagen an drei Standorten zum größten Produzenten des Deutschen Reiches für Schießpulver.


die Sparkas

Bild vergrößern: Kreissparkassen-Gebäude
Kreissparkassen-Gebäude

Vom späteren Oberamtmann Heinrich Guichard von Quintus-Icilius  war 1838 die Initiative zur Gründung der „Sparcasse der Amtsvogtei Fallingbostel Soltau“, die Vorläuferin der heutigen „Kreissparkasse Fallingbostel in Walsrode“, ausgegangen. Es handelte sich um eine der ersten Sparkassen im ländlichen Raum des Königreichs Hannover. Ihr imposantes Geschäftsgebäude befand sich am Kirchplatz, dort wo heute das Rathaus steht. Gleich daneben (heute LSH-Landesschadenhilfe) befand sich ein Gebäude, in dem auch Teile der Kreisverwaltung untergebracht waren.

Bild vergrößern: Verwaltungsgebäude des Landratsamtes (links) - auf der gegenüberliegenden Straßenseite teilen sich die Buchhandlung Erna Wittenberg und ein Frisör das Gebäude
Verwaltungsgebäude des Landratsamtes (links) - auf der gegenüberliegenden Straßenseite teilen sich die Buchhandlung Erna Wittenberg und ein Frisör das Gebäude


geschmacklos prahlt im Fenster Ro Ro Ro

Die Buchhandlung in Fallingbostel betrieb Erna Wittenberg. Ob die Reklame für Rowohlts Rotations-Romane wirklich geschmacklos war, bleibe dahingestellt. Vielleicht ist diese Petitesse auch nur Ausdruck von Arno Schmidts nicht spannungsfreiem Verhältnis zum Rowohlt Verlag in Hamburg, der 1949 dann endlich seinen Erstling „Leviathan“ herausbrachte.

Rowohlts Rotations-Romane gab es seit dem Dezember 1946. Um preisgünstig Literatur an die Leserschaft zu bringen, hatte Ernst Rowohlt zunächst auf das Zeitungsdruckverfahren gesetzt, erst später gab er dann „normale“ Taschenbücher heraus.


Jugoslawen, Polen

Im ehemaligen Truppenlager in Oerbke war nach Ende des Zweiten Weltkriegs ein großes Lager für Displaced Persons (DPs) eingerichtet worden. DPs waren ausländische Zivilpersonen, zumeist ehemalige Zwangsarbeiter, KZ-Häftlinge, Kriegsgefangene und andere Arbeitskräfte, die sich durch Kriegseinwirkungen an Orten außerhalb ihrer Heimat aufhielten. Viele von ihnen wollten nicht in ihre Heimatländer repatriiert werden, da diese jetzt unter sowjetischem Einfluss standen. Darunter befanden sich viele Polen, aber auch Ukrainer und Jugoslawen. Im März 1946 lebten 22.634 DPs im Lager – fünfmal soviel Menschen wie in Fallingbostel. Erst Mitte 1950 wurde das DP-Lager aufgelöst.


Vice-König

Familiensprachlich für Arno Schmidts Taschenuhr. (Susanne Fischer)


Flüchtlingskolonne

Durch die alliierten Bombenangriffe auf deutsche Großstädte, insbesondere die „Aktion Gomorrha“ in der Nacht vom 24. auf den 25. Juli 1943, in der Hamburg schwer getroffen wurde, sowie die Flucht und Vertreibung aus den ehemaligen deutschen Ostgebieten hatte sich der Kreis Fallingbostel nach Kriegsende zu einer „Flüchtlingshochburg“ entwickelt. Gegenüber der Vorkriegszeit verdoppelte sich die Einwohnerzahl Fallingbostels, ohne dass neuer Wohnraum hinzugekommen wäre.


Das CARE-Paket

CARE-Pakete („Cooperative for American Remittances to Europe“) waren Nahrungsmittelpakete, die nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges im Rahmen von amerikanischen Hilfsprogrammen nach Europa geschickt wurden. Sie hatten zunächst einen Standardinhalt, wie er von Alice aufgelistet wird. Später konnte Lucy die Pakete auch nutzen, um Kleidungsstücke, Bücher und Zeitungen an ihren Bruder zu schicken.

In ihrem Tagebucheintrag vom 5. Oktober 1948 hat Alice Schmidt akribisch den Inhalt des CARE-Pakets aufgelistet und festgehalten, wie Arno am Abend „im Bettel“ den ereignisreichen Tag im Gedicht Revue passieren lässt.

Bild vergrößern: Alice Schmidts Eintragung vom 5. Oktober 1948 in ihr Tagebuch (aus: Alice Schmidt: Tagebücher der Jahre 1948/1949. Herausgegeben von Susanne Fischer. Berlin: Suhrkamp-Verlag, 2018, S. 18.)
Alice Schmidts Eintragung vom 5. Oktober 1948 in ihr Tagebuch (aus: Alice Schmidt: Tagebücher der Jahre 1948/1949. Herausgegeben von Susanne Fischer. Berlin: Suhrkamp-Verlag, 2018, S. 18.)


ma […] Bettel

Der mit „ma“ bezeichnet Tagesbeginn war recht spät, während es früh schon ins „Bettel“ ging. Der Grund dafür: Schmidts mussten mit allem sparen, erst recht mit so etwas Kostbarem wie Heizmaterial.


Corona-Versmaß

Susanne Fischer hat in den Anmerkungen erläutert, dass es sich bei „Corona“ um ein Rittergedicht in drei Büchern von Friedrich de La Motte Fouqué (1777-1843) handelte, einem Dichter der Romantik, dessen bekanntestes Werk die „Undine“ ist. Schmidt beschäftigte sich in Vorbereitung auf eine Biografie, die dann 1958 erschien, in seiner Cordinger Zeit intensiv mit ihm.


Davon 2 Päckch. f. Q.

Schmidts sandten Lebensmittel aus den Paketen Lucy Kieslers an Clara Schmidt (Susanne Fischer). Arnos Mutter lebte in Quedlinburg in der sowjetischen Besatzungszone. Bis auf wenige Ausnahmen erreichten nur wenige CARE-Pakete die Sowjetische Besatzungszone, so dass die Schmidts auf dieses Weiterverteilungsverfahren angewiesen waren.


Jupiterseidank

Alice Schmidt hatte die atheistische Einstellung ihres Mannes übernommen und vermied Redewendungen wie „weiß Gott“ und „Gottseidank“ in allen Tagebüchern weitgehend. (Susanne Fischer).


V.: Corona

Es war bei den Schmidts üblich, dass Arno am Abend „im Bettel“ noch vorlas. Auch diese Lektüre, die den Tageslauf abschloss, verzeichnet Alice akribisch im Tagebuch.