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Archivalie des Monats Mai 2022: »Wanderbilder« vom Achterberg aus dem Jahr 1926

Der Achterberg zählte zu den interessantesten Ausflugszielen in der Heidmark. Im elften, im Februar 1926 erschienenen Heft von „Die Heide – Monatsschrift mit Bildern“ findet sich in der Reihe der „Wanderbilder“ auch ein Beitrag von Wilhelm Cordes. Selbst wenn im Titel der Zeitschrift und des Beitrags das Wort „Bilder“ vorkommt, Abbildungen vom Achterberg finden sich im Heft nicht, können aber aus dem Bestand der Postkartensammlung des Stadtarchivs Bad Fallingbostel hinzugefügt werden.

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Titelseite der Zeitschrift "Die Heide", Heft 11 aus dem Februar 1926

Die von Adolf Arnold redigierte Monatsschrift „Die Heide“ erschien in 24 Heften von April 1925 bis März 1927. Die, wie sie sich selbst nannte, „Zeitschrift für Heimatkunde, Geschichte, Volkstum, Kultur u. Wirtschaft der Lüneburger Heide“ kam in der Niedersächsischen Buchdruckerei und Verlagsanstalt in Visselhövede heraus. Sie war zugleich die „Verbands-Zeitschrift des Verkehrs-Verbandes Lüneburger Heide e. V.“ In der Serie der „Wanderbilder“ wurden einzelne Orte und Landschaftsteile vorgestellt. Im zehnten der „Wanderbilder“ entführte Wilhelm Cordes die Leserschaft zum Luftkurort Achterberg.

Sein Beitrag berichtet von der Erbauung der Erholungsanlagen durch Friedrich Mißler, bevor er dann in seinem Hauptteil die Entwicklung seit dem Ende des Ersten Weltkriegs schildert. Zeittypisch ist, dass für den Vandalismus die Revolution von 1918/19 verantwortlich gemacht wird, obwohl die Ursachen vermutlich eher zu suchen sind in der desolaten wirtschaftlichen Lage und der Hyperinflation, die im November 1923 ihren Höhepunkt erreichte, als ein Kilogramm Roggenbrot 233 Milliarden Mark und ein Kilogramm Rindfleisch 4,8 Billionen Mark kosteten.

Nach der Veröffentlichung des Artikels von Wilhelm Cordes konnte nur noch ein Jahrzehnt lang im Luftkurort Achterberg Erholung gesucht werden. Auch dieser landschaftlich schönste Teil der Heidmark wurde dann für die Errichtung des Truppenübungsplatzes Bergen eingezogen. Das „Wanderbild“ in der Zeitschrift „Die Heide“ ist somit ein interessantes Zeitdokument, das einen Wiederabdruck durchaus verdient hat.

Bild vergrößern: Artikel "Wanderbilder - X. Achterberg" von Wilhelm Cordes
Artikel "Wanderbilder - X. Achterberg" von Wilhelm Cordes

Wanderbilder

X. Achterberg

Achterberg gehört zu der Gemeinde Obereinzingen, die mit ihren über mehrere Quadratkilometer verteilt liegenden Höfen zu den am meisten zerstreut liegenden Dörfern der Lüneburger Heide gehört. Abseits von den großen Landstraßen, inmitten der gesamten Hofländereien, liegen in schattigen Hainen versteckt die alten Bauernhäuser mit ihren ehrwürdigen Strohdächern.

Zwei von diesen Höfen, Achterberg und Siemglüß, kaufte in den Jahren 1894 und 1895 der Bremer Kaufmann Herr Friedrich Mißler, vereinigte sie zu dem etwa 2500 Morgen großen Gute Achterberg und schuf aus diesen landschaftlich schönsten Höfen eine großartige Anlage, die ihresgleichen sucht.

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Einzingen - Erholungshaus Achterberg (Postkarte um 1900)

Im Jahre 1895 baute Her Mißler das etwa 50 Personen beherbergende Erholungsheim und ließ in der Folgezeit Liegehallen, Gärten, Ruder- und Badeteiche sowie Schutzhütten und Spazierwege in Heide und Wals anlegen. Auf einer Insel in den Ruderteichen wurde ein herrlicher Pavillon und auf einem etwa 14 Meter hohen Berge an der äußersten Grenze des Besitztums ein zirka 30 Meter hoher Aussichtsturm errichtet, von dem man einen weiten Ausblick über die ganze Südheide hatte.

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Bremer Erholungshaus Achterberg (Postkarte 1907)

Vor dem Kriege fanden jährlich etwa 500 Personen im Luftkurort Achterberg freie Unterkunft und Verpflegung, ja sogar die Hin- und Rückreise sowie die Kosten für Arzt und Apotheke wurden von dem Wohltäter vergütet.

Der Krieg mit der nachfolgenden Inflation schlug auch dieser Stätte manche herbe Wunde. Der Besitz ging in die Hände einer Aktiengesellschaft über. Die freie Aufnahme der Erholungsbedürftigen konnte nicht mehr durchgeführt werden. Die Instandhaltung der Anlagen, namentlich der weiter außerhalb liegenden, verursachte immer größere Kosten, zumal seit den Tagen der Revolution durch böswillige Hände vieles mutwillig zerstört wurde. Die Verwaltung sah sich daher genötigt, viele Schutzhütten – „Stolzenfels“ – ganz abzubrechen oder die in geschmackvoller Bleiverglasung hergestellten Fenster durch Bretterverschläge mit „Gucklöchern“ zu ersetzen. Wahrlich auch ein Zeichen der Zeit: Selbst das, was zur Freude und zum Nutzen für alle errichtet ist – die gesamten Anlagen sind nicht nur den Erholungsgästen, sondern auch allem Publikum zugänglich – wird sinnlos zerstört.

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Speisesaal des Erholungsheims Achterberg

Im Spätsommer des Jahres 1922 verstarb dann plötzlich an einem Herzschlage Herr Mißler, der Begründer des Luftkurortes Achterberg. Seine Asche wurde im Mausoleum, das er sich selbst zu seinen Lebzeiten hatte errichten lassen, in einer Urne beigesetzt. Hohe Tannenwipfel umrauschen den stillen Berg; und gar mancher wandelt im Laufe des Jahres den Weg hinauf zur „Friedenshöhe“, des Werkes gedenkend, das der Verstorbene vollbracht und dankt ihm von Herzen.

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Bootsfahrten auf den Teichen bei Achterberg

In allen Jahren ist das Erholungsheim stark besucht, nur selten ist ein Zimmer unbelegt. Und wahrlich, hier finden die Erholungsbedürftigen alles, was sie wünschen. Der bis ins kleinste praktisch ausgestaltete landwirtschaftliche Betrieb des Gutshofes sorgt für gute und stets frische Verpflegung. Die eigenen Anlagen bieten reichlich Abwechslung in Spaziergängen; aber auch die Umgegend, namentlich das angrenzende Becklinger Holz mit Nadel- und Laubwäldern auf stark hügeligem Gelände ermöglicht viele weitere Touren nach landschaftlich und geschichtlich interessanten Stätten der Südheide. Da diese weniger bekannt sind, sollen sie kurz erwähnt werden: Durch den Jagen 68 an der Nordwestgrenze des Forstes „Becklinger Holz“ schlängelt sich in vielen Windungen der sogenannte Serpentinenweg mit steilen Höhen und tiefen Gründen.

An der Schneise (Wolfsbahn) zwischen den Jagen 36 und 28 findet man inmitten einer grünen Moosbank den Wolfsstein mit der Jahreszahl 1872. Hier wurde im Jahre 1872 der letzte Wolf in Niedersachsen vom Förster Grünewald geschossen.

Bild vergrößern: "In den Achterbergen" - Postkarte von den Wanderwegen mit einem Aussichtspunkt im Hintergrund
"In den Achterbergen" - Postkarte von den Wanderwegen mit einem Aussichtspunkt im Hintergrund

Etwa 500 Meter südlich von dem erwähnten Grenzjagen 28 liegt die alte Fehmgerichtsstätte mit dem Brunnen. An dieser Stelle stand früher der Heidhof, der im Dreißigjährigen Kriege zerstört wurde. Hier hielten vor hunderten von Jahren die drei alten Vogteien Soltau, Fallingbostel und Bergen ihre Fehmgerichte ab.

Südlich der Landstraße Fallingbostel-Bergen in der Nähe des schön gelegenen Hofes Hanglüß liegt das „Römerlager“, ein mächtiger, fast rechteckförmiger Erdwall mit verschiedenen Nebenwällen. Was dies Anlage ursprünglich gewesen ist und wer sie errichtet hat, ist noch nicht festgestellt.

So bietet der Luftkurort Achterberg mit seiner nächsten Umgebung in landschaftlicher Hinsicht reichlich Abwechslung. Dagegen fragt man hier nach Kaffee- und Konzerthäusern sowie Promenadenkonzerten und ähnlichen Veranstaltungen vergeblich. Auch ist hier nicht der gegebene Ort, um moderne Reise- und Kurtoiletten vorzuführen. Wenn man das erhofft, darf man nicht nach Achterberg kommen. Wer aber Ruhe und Frieden sucht und sich von der Alltagsarbeit erholen will, der komme nach hier.

            Wilhelm Cordes