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Archivalie des Monats Juni 2022: Der Ziegenzuchtverein kümmerte sich um die »Kuh des kleinen Mannes«

Vor 120 Jahren kam der Selbstversorgung noch große Bedeutung zu. Wer ein kleines Land- oder Gartenstück hatte, baute Gemüse an. Und auch die Ziegenhaltung wurde gern betrieben. Schon Meyers Großes Konversations-Lexikon wusste: „an geeigneter Stelle aber ist sie billig zu erhalten, versorgt das Haus mit Milch und liefert Dünger für ein kleines Stück Land.“ Damit die „Kuh des kleinen Mannes“ zu Ehren kommen und weitere Verbreitung finden sollte, wurde am 31. Dezember 1904 in Fallingbostel der Ziegenzuchtverein gegründet.  


Bild vergrößern: Ziegen am Böhmewehr (1928)
Ziegen am Böhmewehr (1928)

Fünf Jahre später wollte der Verein zur „Hebung der Ziegenzucht“ in Fallingbostel eine Ziegenbock- und Ziegenschau mit Prämierung der besten Tiere veranstalten. So, wie es auch heute noch der Fall ist, stellte der Verein bei der Gemeindeverwaltung einen Antrag auf Bezuschussung. Der Antrag, der mit der unverändert gebliebenen Zeichensetzung wiedergegeben wird, lautete:

Bild vergrößern: Antrag des Ziegenzuchtvereins auf Bezuschussung
Antrag des Ziegenzuchtvereins auf Bezuschussung

Fallingbostel den 28 März 1909

An den löbl[ichen] Gemeinde Vorstand zu Fallingbostel

Der Ziegenzuchtverein für Fallingbostel, und Umgegend beabsichtigt in der ersten Hälfte des Monats Juni 1909 hier in Fallingbostel, eine Lokal Ziegenbock, und Ziegenschau abzuhalten mit Prämierung von Ziegenböcke, und Mutterziegen, sowie Ziegenlämmer.

Da die Veranstaltung zur Hebung der Ziegenzucht geschieht, der Verein welcher 85 Mitglieder zählt die sämtlich den kleineren Handwerken und dem Arbeiterstande angehören so stelt der unterzeichneter Vorstand die ganz ergebenste Bitte an den Gemeinde Vorstand

Der löb[liche] Gemeinde Vorstand wolle dem Ziegenzuchtverein für Fallingbostel und Umgegend zu der zu Anfang Juni d. J. zu veranstaltetend [soll wohl heißen: veranstaltende] Ziegenbock, und Ziegenschau verbunden mit Prämierungen eine namhafte Summe bewilligen.

Mit Hochachtung

der Vorstand des Ziegenzuchtverein für Fallingbostel, und Umgegend

Georg Bühring

Der Antrag dürfte von der Gemeinde wohlwollend beschieden worden sein, denn für den 13. Juni 1909 vermeldete Wilhelm Westermann in seiner „Ortschronik von Fallingbostel“: „Der Ziegenzuchtverein ist rührig und tätig, unter dem Vorsitz von Kantor Meyer, Düshorn, veranstaltet er in der Lieth eine gut beschickte Ziegenschau.“

Zwei Jahre vor dieser Antragstellung hatte der Uetzinger Friedrich Bässmann an der Grossherzoglichen und Herzoglich Sächsischen Gesamt-Universität Jena seine Dissertation „Die Landwirtschaft im Kreise Fallingbostel – ihre Entwicklung und ihr gegenwärtiger Stand nebst Untersuchungen über die Rentabilität dortiger Betriebe“ vorgelegt. 1908 wurde diese Untersuchung veröffentlicht. Sie befasst sich auch mit der Ziegenzucht und belegt darin vieles, was auch schon im Antrag des Ziegenzuchtvereins genannt worden war und was die Bezeichnung „Kuh des kleinen Mannes“ gerechtfertigt erscheinen lässt. Friedrich Bässmann schreibt:

Bild vergrößern: Titelseite von Friedrich Bässmanns 1908 erschienener Dissertation über "Die Landwirtschaft im Kreise Fallingbostel"
Titelseite von Friedrich Bässmanns 1908 erschienener Dissertation über "Die Landwirtschaft im Kreise Fallingbostel"

Die Ziegenzucht

Die Zahl der im Kreise Fallingbostel gehaltenen Ziegen ist seit 1890 nicht stark gestiegen. Die Zunahme betrug 1890-1904 nur 247 Stück. Doch ist der Bestand an Ziegen keineswegs ein schwacher, denn im Jahre 1904 wurde mit 10,5 Stück pro 100 ha landwirtschaftlich benutzter [Fläche] der Reichsdurchschnitt noch etwas übertroffen.

An der Ziegenhaltung sind besonders interessiert die Schichten der Tagelöhner, Arbeiter, Häuslinge, Abbauer u.s.w. Zur Hebung der Zucht wurden 1900 verschiedene Ziegenzuchtvereine gegründet, so in Walsrode, Fallingbostel, Rethem und Ahlden. Als Zuchtziel aller Vereine gilt eine Ziege mit hoher Milchergiebigkeit, guten Formen und guter Gesundheit. Eingetragen werden nur hornlose Tiere.

  • Zur Erreichung des Zuchtzieles sind folgende Einrichtungen getroffen:
  • Es sind Deckstationen errichtet, die mit guten Böcken besetzt sind;
  • Der Vorstand trägt Sorge für die Einführung guter weiblicher Zuchttiere;
  • Es werden Ausstellungen und Prämierungen vorgesehen, zu denen die Beihülfe der landwirtschaftlichen Vereine angestrebt werden soll;

Auf nach Bedarf einzuberufenen Versammlungen sollen Belehrungen über Zucht, Haltung und Ernährung der Ziegen stattfinden.

Die Ziegenzucht-Vereine haben zur Hebung der Zucht schon bedeutend beigetragen, besonders aber ist ihnen die Einführung guter Saanenziegen zu verdanken. (S. 126f.)

Zur Erläuterung: Bei der Saanenziege handelt es sich um eine Schweizer Hausziegenrasse. Die Tiere sind kurzhaarig und reinweiß und zählen zu den Milchziegenrassen. Aufgrund der hervorragenden Milchleistungen der Saanenziegen wurden diese auch in viele andere Länder gebracht, wo sie mit anderen Ziegenrassen gekreuzt wurden. [https://www.landwirt.com/Kleinanzeigen/angebote-Saanenziegen,501.html – abgerufen: 01.06.2022]