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Archivalie des Monats August 2022: Vor 100 Jahren wurde das Denkmal für die Gefallenen des Ersten Weltkriegs errichtet

Der Erste Weltkrieg forderte einen hohen Blutzoll: Zwischen 1914 und 1918 verloren insgesamt etwa 17 Millionen Menschen ihr Leben, zwei Millionen davon in Deutschland. Selbst ein mit rund 1.400 Einwohnern kleiner Ort wie Fallingbostel hatte 44 Gefallene, 45 Verwundete und 21 Kriegsgefangene zu beklagen. In allen in den Krieg verwickelten Nationen wurden Denkmäler errichtet, die an das Schicksal der Gefallenen erinnern sollten. Auch in Fallingbostel entstand vor 100 Jahren ein Gefallenendenkmal. 

Bild vergrößern: An der Südseite der St. Dionysius-Kirche wurde 1922 das Denkmal für die Gefallenen des Ersten Weltkriiegs errichtet
An der Südseite der St. Dionysius-Kirche wurde 1922 das Denkmal für die Gefallenen des Ersten Weltkriiegs errichtet

Für die Errichtung eines Denkmals für die Gefallenen des Ersten Weltkriegs aus der Kirchengemeinde Fallingbostel setzte sich eine Kommission ein. Ihr gehörten Kreisobersekretär Kampmann, Mühlenbesitzer Rubach, Gastwirt Schlimm, Pastor Münchmeyer, Maurermeister Bostelmann, Schrankenwärter Imbrock, praktischer Arzt Dr. Flebbe, Sparkassendirektor Helmke, Hofbesitzer Rodewald (Oerbke), Hofbesitzer Hohl (Nordbostel), Hofbesitzer Neddenriep (Elferdingen), Hofbesitzer Kruse (Klint) und Hofbesitzer Heins (Kroge) an.

Der Grundstein für das Denkmal, das an der Südseite der St. Dionysius-Kirche seinen Platz fand, wurde am 11. August 1922 gelegt. Schon am 23. September 1922 konnte das Denkmal dann eingeweiht werden. Der Entwurf für das Denkmal stammte vom Kölner Regierungsrat Leblanc. Ausgeführt wurde er vom Fallingbosteler Maurermeister Bostelmann. Den Stein hatten Mitglieder der Kirchengemeinde Fallingbostel gestiftet. Behauen worden war er vom Steinsetzer Wilhelm Gehrkens aus Fallingbostel.

Bild vergrößern: Blick vom Kirchplatz auf dien Kirchberg mit Gefallenen-Denkmal und Quintus-Denkmal
Blick vom Kirchplatz auf dien Kirchberg mit Gefallenen-Denkmal und Quintus-Denkmal

Die Niederlage Deutschlands im Ersten Weltkrieg lag gerade einmal vier Jahre zurück. Weite Kreise der Bevölkerung sahen die Kriegsschuld keinesfalls bei Deutschland und hielten entgegen aller Tatsachen an der Dolchstoßlegende fest. Sie war nach 1918 von der Obersten Heeresleitung und nationalistischen Kräften verbreitet worden. Danach sollen an der deutschen Niederlage im Ersten Weltkrieg nicht das Militär und die monarchische Führung des Deutschen Kaiserreiches schuld gewesen sein, sondern Demokraten und Sozialisten. Ihnen wurde vorgeworfen, der vermeintlich unbesiegten Armee in den Rücken gefallen zu sein.

Diese Haltung prägte auch die Darstellung, die am 11. August 1922 in einem Kasten in den Grundstein des Fallingbosteler Gefallenen-Denkmals eingemauert wurde.

Unterzeichnet worden war sie von den Mitgliedern der von der Kirchengemeinde eingesetzten Kommission. In dem von ihnen abgegebenen Zeitbild „Fallingbostel im August 1922“ werden die „Glanzleistungen“ des deutschen Heeres und der deutschen Flotte ebenso beschworen wie jene der deutschen Technik und des deutschen Erfindungsgeistes. Dass Deutschland längst militärisch in eine aussichtslose Situation geraten war (woran auch Hindenburg und Ludendorff schuldig waren), wurde verkannt. Stattdessen wurde behauptet: „Deutschland schien unbesiegbar und hat sich selbst den Feinden ausgeliefert.“ Vielmehr sollten „Träumereien demokratischer Weltanschauung von internationaler Verbrüderung“ die Schuld dafür tragen, dass „eigene Volksgenossen in ihrer Verblendung zu Wühlern und Hetzern“ geworden seien, die zu „Ungehorsam und Desertion“ aufgerufen und die wirtschaftliche Notlage ausgenutzt hätten. Dadurch soll es zum „völligen Niederbruch“ gekommen sein.

In der Tat lastete eine galoppierende Inflation auf der Bevölkerung. Die Denkmal-Kommission fügte ihrem Bericht eine Aufstellung bei, die belegt, dass zum Zeitpunkt der Grundsteinlegung im August 1922 ein Ei 6 Mark, ein Liter Milch 10 Mark, 1 Vier-Pfund-Brot 70 Mark, ein Pfund Fleisch 100 Mark, ein Pfund Butter 120 Mark und ein Paar Stiefel sogar 1650 Mark kosteten. Und die Inflation sollte noch weiter steigen. Ein Jahr später mussten für ein Pfund Butter 2,8 Billionen Mark gezahlt werden! Erst die Einführung der Rentenmark im November 1923, bei der allerdings viele Sparer um ihren Notgroschen gebracht wurden, normalisierte die Verhältnisse.

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Blick an Leiditz vorbei auf Kirche und Denkmäler

Belastet wurde die Stimmung zudem durch den im Januar 1920 in Kraft getretenen „Versailler Vertrag“: Deutschland musste Gebiete abtreten, Reparationen zahlen, die „Kriegsschuld“ anerkennen und seine Armee stark verkleinern. All dies wurde als „Schandfrieden“ betrachtet, mit dem man sich nicht abfinden wollte. Viele nationale Kräfte – und so auch die Denkmal-Kommission – empfanden es als Verpflichtung, den Gefallenen zu versichern: „Ihr sollt nicht umsonst für’s Vaterland gestorben sein.“

Aus dem Gedenken an die Gefallenen wurde so eine Losung für die Zukunft abgeleitet.  In diesem Sinne bekundete die Denkmal-Kommission: „Die Schmach und Schande, die über unser Vaterland gekommen ist, wollen wir helfen, wieder gut zu machen, wenn die Zeit uns dazu ruft.“ Ein neuer Kriegsgang wurde also nicht ausgeschlossen. Und es wurde gar die Frage gestellt: „Wann kommt die Zeit, in der ein starker Mann wie einst Bismarck das Reich auf’s Neue schmiedet und aller Feinde zum Trotz Deutschland zu altem Ruhm erhebt?“ Diese Zeit sollte – leider – 1933 kommen, als den Nationalsozialisten die Macht übertragen wurde und Hitler 1939 den Zweiten Weltkrieg losbrach.

Bild vergrößern: Luftbild von Kirche und Denkmal
Luftbild von Kirche und Denkmal

Diese Art des Totengedenkens, die das Schicksal der Gefallenen als politische Legitimation missbraucht, gehört glücklicherweise schon lange der Vergangenheit an. Das Fallingbosteler Denkmal für die Gefallenen des Ersten Weltkrieges befindet sich längst nicht mehr vor der Kirche. 1964 war der alte Friedhof auf dem Osterberg in eine Grünanlage umgewandelt worden, in der auch eine Gedenkstätte für die Gefallenen der beiden Weltkriege geschaffen wurde. Zwölf Stelen mit den Jahreszahlen der beiden Weltkriege erinnern ähnlich wie die Stationen eines religiösen Kreuzwegs an das unendliche Leid und Leiden.

Bild vergrößern: Blick vom Kirchturm auf das Gefallenen-Denkmal
Blick vom Kirchturm auf das Gefallenen-Denkmal

Auch die Platten des 1922 bei der Kirche für die Gefallenen des Ersten Weltkriegs errichteten Denkmals fanden dann hier ihren Platz. An einer dreiflügeligen Buntsandsteinmauer sind die vier Sandsteintafeln mit den Namen der Gefallenen der Kirchengemeinde Fallingbostel sowie am rechten Mauerflügel die Platte mit militärischen Emblemen angebracht.

Bild vergrößern: Die Platten des Gefallenen-Denkmals von 1922 heute auf dem Osterberg
Die Platten des Gefallenen-Denkmals von 1922 heute auf dem Osterberg

Wenn alljährlich am Volkstrauertag nach einem Gottesdienst in der St. Dionysius-Kirche in einer Feierstunde auf dem Osterberg der Kriegsopfer gedacht wird, dann heißt es heute im Totengedenken des Volksbunds Deutsche Kriegsgräberfürsorge:

Wir denken heute an die Opfer von Gewalt und Krieg, an Kinder, Frauen und Männer aller Völker.

Wir gedenken der Soldaten, die in den Weltkriegen starben, der Menschen, die durch Kriegshandlungen oder danach in Gefangenschaft, als Vertriebene und Flüchtlinge ihr Leben verloren.

Wir gedenken derer, die verfolgt und getötet wurden, weil sie einem anderen Volk angehörten, einer anderen Rasse zugerechnet wurden, Teil einer Minderheit waren oder deren Leben wegen einer Krankheit oder Behinderung als lebensunwert bezeichnet wurde.

Wir gedenken derer, die ums Leben kamen, weil sie Widerstand gegen Gewaltherrschaft geleistet haben, und derer, die den Tod fanden, weil sie an ihrer Überzeugung oder an ihrem Glauben festhielten.

Wir trauern um die Opfer der Kriege und Bürgerkriege unserer Tage, um die Opfer von Terrorismus und politischer Verfolgung, um die Bundeswehrsoldaten und anderen Einsatzkräfte, die im Auslandseinsatz ihr Leben verloren.

Wir gedenken heute auch derer, die bei uns durch Hass und Gewalt Opfer geworden sind. Wir gedenken der Opfer von Terrorismus und Extremismus, Antisemitismus und Rassismus in unserem Land.

Wir trauern mit allen, die Leid tragen um die Toten und teilen ihren Schmerz.

Aber unser Leben steht im Zeichen der Hoffnung auf Versöhnung unter den Menschen und Völkern, und unsere Verantwortung gilt dem Frieden unter den Menschen zu Hause und in der ganzen Welt.

In dieser würdigen Form wird auch jener Soldaten aus der Kirchengemeinde Fallingbostel gedacht, deren Namen auf den zum Osterberg verlagerten Tafeln des 1922 eingeweihten Gefallenen-Denkmals verzeichnet sind. Wilhelm Westermann hat 1952 ihre Lebensschicksale im zweiten Band seiner „Chronik Fallingbostel“ zusammengetragen. Seine Schilderungen können als PDF-Dokument heruntergeladen werden: