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Archivalie des Monats September 2022: Pastor Schrader schildert das Satyrspiel um die Gebeine von Hermann Löns

Beisetzungen sollen pietätvoll verlaufen – doch was mit den sterblichen Überresten von Hermann Löns 1934/35 geschah, glich eher einer Tragikomödie. Einer der daran unfreiwillig Beteiligten war der Fallingbosteler Pastor Friedrich Schrader (1894-1975). Seine Sicht der Ereignisse hat er später in dem „Satyrspiel um die Gebeine von Hermann Löns“ aufgezeichnet.

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Beginn fron Friedrich Schrades "Satyrspiel"

 Der 1866 geborene Hermann Löns hatte sich zu Beginn des Ersten Weltkrieges als Freiwilliger gemeldet. Er fiel schon in den frühen Morgenstunden des 26. September 1914 bei einem Sturmangriff in der Nähe der Zuckerfabrik von Loivre. Im Kampfgeschehen konnte sein Leichnam nicht geborgen, sondern nur vergraben werden. Erst nach Kriegsende wurden Gebeine von der Stelle, an der Löns fiel, auf einen französischen Kriegsgräberfriedhof überführt.

Beim Pflügen auf den ehemaligen Schlachtfeldern stieß dann ein französischer Bauer am 5. Januar 1933 auf ein Skelett. Aufgrund der bei den Gebeinen befindlichen Erkennungsmarke wurde im Mai 1934 festgestellt, dass es sich um Hermann Löns handeln müsse und auf dem Kriegsfriedhof ein anderer Soldat beigesetzt worden sei. Allerdings wurden (und werden zum Teil bis heute noch) Zweifel geäußert, dass es sich um Löns handelte, denn die Erkennungsmarke wies Besonderheiten auf und befand sich in einem schlecht lesbaren Zustand.

Insbesondere Hermann Löns‘ Bruder Ernst und Dr. Friedrich Castelle, der Herausgeber der ersten Löns-Werkausgabe, setzten sich für eine Überführung nach Deutschland ein. Sie konnten sogar erreichen, dass Reichskanzler Adolf Hitler im August 1934 einem Staatsbegräbnis zustimmte. Die Beisetzung sollte am 3. November 1934, dem Hubertustag, bei den Sieben Steinhäusern stattfinden.

Aufgrund des Tätigwerdens der verschiedenen Personen und Institutionen – Ernst Löns, Dr. Castelle, Lisa Löns (Hermann Löns‘ zweiter Frau, von der er sich getrennt hatte, aber nicht geschieden worden war), Löns‘ Verleger Sponholtz, Beerdigungsunternehmer Schwietzke Propagandaminister Goebbels und Gauleiter Telschow, Viktor Lutze (Oberpräsident in Hannover und Stabschef der SA), Reichswehrminister von Blomberg, Fallingbostels Landrat Dr. Piesbergen und noch viele mehr – und der mangelnden Kommunikation untereinander entstand ein schließlich fast undurchdringliches Wirrwarr von Halbwissen und darauf aufbauenden, zum Teil zuwiderlaufenden Handlungen. Damit war in der Tat der Stoff für ein Satyrspiel gegeben, wie es im antiken griechischen Theater im Anschluss an drei nacheinander aufgeführte Tragödien zum erheiternden Ausklang gegeben wurde.

An dieser Stelle setzt Das „Satyrspiel“ von Pastor Friedrich Schrader ein, der ungewollt in ihm selbst mitspielen musste. Er stellte, wenn auch sehr pointiert formuliert, die Ereignisse aus Fallingbosteler Sicht präzise dar. Friedrich Schrader war von 1933 bis 1962 Pastor an der Fallingbosteler St. Dionysius Kirche. Darüber hinaus amtierte er seit 1943 auch als Superintendent des Kirchenkreises Walsrode. Sein mutiges Handeln im Falle Löns‘ zeigt deutlich, dass er dem Nationalsozialismus reserviert gegenüberstand. Das kommt auch in seiner Rolle als Kreisvertrauensmann der Bekennenden Kirche zum Ausdruck, die sich gegen die von den Nationalsozialisten propagierten Deutschen Christen stellte.

Vermutlich entstanden seine Aufzeichnungen im Zusammenhang mit der von dem damaligen Kreisheimatpfleger Hans Stuhlmacher gemeinsam mit Richard Krüger von November 1954 bis Januar 1955 in der Zeitschrift „Heidebote. Deutsches Familienblatt“ veröffentlichten Artikelserie „Auf einsamer Heide laßt mich allein... Hermann Löns tritt seine letzte Irrfahrt an. Aus authentischen Quellen und nach bisher unveröffentlichten amtlichen Dokumenten“. Es ist gut vorstellbar, dass Schrader, der natürlich in diesen Zeitschriftenartikeln erwähnt wird, sich veranlasst sah, sich die damaligen Ereignisse zu vergegenwärtigen und die richtige Abfolge zu notieren. Dazu passt sein „Satyrspiel“ bestens.

Die ganzen Einzelheiten, die sich um dieses „Satyrspiel“ ranken, lassen sich an dieser Stelle in Kürze nicht resümieren. Sie können aber ausführlich nachgelesen werden in dem Kapitel „Tragikomödie in der Lüneburger Heide – Die Beisetzung von Hermann Löns“ in der 1995 erschienenen „Chronik von Fallingbostel 1930-1995“ von Wolfgang Brandes (S. 101-121).

In der folgenden Wiedergabe von Schraders „Satyrspiel“ wurden Schreib- bzw. Tippfehler stillschweigend korrigiert. In eckigen Klammern finden sich Ergänzungen zum besseren Verständnis.

 


Hermann Löns.

Ein Satyrspiel um seine Gebeine!

Über das Leben von Hermann Löns ist schon manches Buch geschrieben worden, weniger über sein Sterben als Kriegsfreiwilliger in Frankreich und wohl fast nichts über die Heimkehr seiner Gebeine in die Lüneburger Heide. 1914 war es. Vielleicht lohnt es sich doch, einen lächelnden und fragenden Blick in jene Zeit zurück zu werfen, nicht um der Zeit, sondern um H. Löns‘ Willen.

Einige der Freunde des Dichters hatten es unternommen, seine Gebeine, die nun zwanzig Jahre auf einem Soldatenfriedhof in französischer Erde geruht hatten, nach Fallingbostel zu bringen zur erneuten Beisetzung in einem der berühmten Siebensteinhäuser, Begräbnisstätten aus uralter Zeit, von Löns besungen. Wenn Löns auch gewünscht hatte, in fremder Erde zu bleiben, so war doch diese Überführung kein übler Gedanke. Inzwischen aber war das ganze Ge­lände rings um die Steinhäuser als Truppenübungsplatz beschlag­nahmt worden, Löns sollte dort nicht mehr beigesetzt werden. Die Bestattungsfirma [Schwietzke] brachte seine Gebeine, eingehüllt in einen Kin­dersarg [die Verbindung zwischen den einzelnen Skelettteilen hatte sich gelöst gehabt], aber doch. Wohin damit? – Zunächst in die schöne neue Friedhofskapelle in Fallingbostel, aufgebahrt, blühende Blumen ringsum. Die S A stellte einen Doppelehrenposten, der allerdings nur das Harmonium im Kirchenraum ruinierte. – Späterhin sollten die Gebeine dann mit Genehmigung des „Führers“ im Wacholderpark des nahen Tietlingens beigesetzt werden.

Nach einiger Zeit verbrachte man den Sarg in den Leichen­keller der Kapelle auf Befehl des Bürgermeisters [Becker], und es ward stille um Löns.

Bild vergrößern: Fallingbosteler SA-Leute stehen vor der Friedhofskappelle Wache
Fallingbosteler SA-Leute stehen vor der Friedhofskappelle Wache

Ja, bis eines Tages der Besitzer des Tietlinger Wacholderparkes [Wilhelm Asche] das Pfarramt Fallingbostel anrief und fragte: Wo ist Löns jetzt? – Antwort; natürlich in unserem Leichenkeller! – Nein, da ist er nicht mehr, fragen Sie Ihren Friedhofswärter [Menke]!

Da grade Kirchenvorstandssitzung war, liess man den Wärter kommen. Wo ist Löns? – Das darf ich nicht sagen. – Dann müssen wir Sie ent­lassen, wenn Sie als unser Angestellter uns keine Auskunft geben! – Ja, die Polizei hat es verboten, dass ich spreche, aber ich will’s nun doch tun. Heute früh bei Nacht und Nebel wurde ich aus dem Bett geholt von S A und Polizei. Man verlangte mir die Friedhofsschlüssel ab, ich weigerte mich, da sah ich in die Mündung einer Pistole. Dann gab ich sie, ein Lastauto fuhr zum Friedhof, dar Sarg ist fort. Weiter weiss ich nichts.

Der Kirchenvorstand beschloss, weitere Schritte in dieser Sache zu tun. Schriftliche Beschwerde bei dem Landrat [Dr. Piesbergen] gegen die Polizei und Bitte um Auskunft. Antwort: Ich darf nichts sagen, wen­den Sie sich an den Gauleiter [Telschow] in Lüneburg. – Auf der Strasse nachher trifft mich der Landrat und flüstert mir ins Ohr: feste, feste !!

Nun an den Gauleiter Beschwerde über den Landrat und die Poli­zei. Antwort: Ich verweigere jede Auskunft! gez. Telschow.

Wir lassen nicht locker. Ich schreibe an die Oberstaatsanwaltschaft in Verden und ersuche, gegen den Gauleiter ein Verfahren wegen Hausfriedensbruch und Leichenraub zu eröffnen.

Nach wiederholter Bitte um Rückäusserung ein Schreiben: Hausfriedensbruch wird nach §§ ..  mit .. Monaten Gefängnis bestraft. Der Tatbestand liegt hier aber nicht vor, da der Friedhofswärter die Schlüssel „freiwillig“ herausgegeben hat.

Leichenraub wird nach §§ ... mit .. Zuchthaus bestraft. Der Tatbestand liegt hier aber nicht vor, da es sich um keine Leiche, sondern nur um Knochen handelte. (!)

Als wir nun überlegten, was weiter zu tun sei, traf ein Brief der Ehefrau von Löns ein, die ihre Freude darüber ausdrückte, dass es noch Männer in Deutschland gäbe, und zugleich mitteilte, sie habe in dieser Sache ein Zivilstrafverfahren gegen das preussische Staatsministerium in die Wege geleitet. Auf alle ihre Briefe zuvor an Goebbels, Lutze u. a. habe sie nie eine Antwort erhalten. – Nun erfuhr der damalige Reichswehrminister von Blomberg von der Angelegenheit und setzte durch, dass der Kriegs­freiwillige Löns von der Wehrmacht feierlich im Tietlinger Wa­cholderpark beigesetzt werden solle. – Einer der wenigen Siege der Wehrmacht gegen die Partei [vor allem gegen die SA]! –

Bild vergrößern: Grab von Hermann Löns bei Barrl an der Straße Soltau-Hamburg 1934-1935
Grab von Hermann Löns bei Barrl an der Straße Soltau-Hamburg 1934-1935

Mittlerweile war bekannt geworden, dass man den Sarg in der Nähe von Soltau irgendwo in der Heide [bei Barrl an der Straße Soltau-Harburg] verscharrt hatte, dort ward er durch Soldaten ausgegraben und mit Genehmigung des Führers [am 2. August 1935] feierlich in Tietlingen beigesetzt. Der Sarg ruhte auf einer Lafette, eine Kompagnie Infanterie marschierte voraus.

Bild vergrößern: Pastor Schrader geht dem von der Lafette gehobenen Sarg voraus
Pastor Schrader geht dem von der Lafette gehobenen Sarg voraus

Hinter dem Sarg schritt ich und hinter mir der Kommandierende General Knochenhauer mit Frau Löns, gefolgt von einer grossen Menschenmenge. Der Kommandierende sprach an der Gruft über den Soldaten Löns, Dr. Castelle über den Dichter mit Eddazitaten, ich beschloss die Feier mit Gebet. Eine Ehrensalve der Kompagnie krachte. Dem hinab gesenkten Sarg wurde die Bestattungsgenehmigung Hitlers in Kupferhülle nach geworfen. Ein gewaltiger Findling mit eingehauener Wolfsangelrune deckt das Grab ab.

Bild vergrößern: Löns-Grab und im Hintergrund Löns-Denkmal im Tietlinger Wacholderhain
Löns-Grab und im Hintergrund Löns-Denkmal im Tietlinger Wacholderhain

Hat Hermann Löns nun Ruhe?

Allen Pg.s. [Parteigenossen der NSDAP] war es verboten worden, an der Feier teil zu nehmen, unser Ortsgruppenleiter [Rudolf Bäumer] tat’s doch und wurde am nächsten Tag abgesetzt.

Im nächsten Jahr sollte der Verband der Kriegsfreiwilligen 1914/18 die Obhut und Pflege der Grabstätte von der Wehrmacht übernehmen gelegentlich eines grossen Treffens in Tietlingen. Als am bestimmten Tage die Scharen von allen Seiten herbeiström­ten, war schon ein starkes Aufgebot des SD aus Berlin da mit fun­kelnden Mercedes. Der Verband wurde aufgelöst, jede Rede am Grab verboten, kopfschüttelnd fuhr man heim.

Bild vergrößern: Am Eingang zum Wacholderhain wurde ein Stein aufgestellt, der auf die Obhut durch die Reichskameradschaft Deutscher Kriegsfreiwilliger hinwies
Am Eingang zum Wacholderhain wurde ein Stein aufgestellt, der auf die Obhut durch die Reichskameradschaft Deutscher Kriegsfreiwilliger hinwies

Und warum das alles?! Wir wissen es bis auf diesen Tag nicht. Gerüchte genug, aber was ist wahr?

Dies kleine Satyrspiel um den toten Dichter ist freilich nur wie eine Randbemerkung auf den Blättern der Geschichte, aber vielleicht doch wert, nicht ganz vergessen zu werden.

F. Schrader.