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Archivalie des Monats Oktober 2022: Zeltlager des Deutschen Knabenbundes von 1909 an der Böhme bei Fallingbostel im Jahr 1912

Zu den Großstädtern, die nach der Erschließung der Lüneburger Heide durch die Eisenbahn an den Wochenenden hierher kamen, zählten auch Wanderbünde von Jugendlichen. Der „Deutsche Knabenbund von 1909 in Hamburg“ feierte am 7. September 1912 sogar sein Herbstfest mit einem Zeltlager an der Böhme bei Fallingbostel.

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Herbstfest des "Deutschen Knabenbundes von 1909 in Hamburg am 7. September 1912 - Zeltlager an der Böhme bei Fallingbostel"

Leider ist über die Aktivitäten des „Deutschen-Knaben-Bundes, Bund für Jugendwandern, gegr. 13. 6. 1909 in Hamburg“ nur wenig bekannt. Zwei Postkarten belegen aber, dass es auch ihn in unsere Region zog. Denn neben der Karte vom Herbstfest 1912 befindet sich im Stadtarchiv Bad Fallingbostel auch noch eine weitere von einem „Heidegrab bei Südbostel“, also einem der Sieben Steinhäuser, die in jenen Jahren ansonsten auch von den Sommerfrischlern von Fallingbostel aus gern aufgesucht wurden. Mit dem Verkauf der Postkarte vom Megalithgrab wollte der Knabenbund zur Finanzierung seiner Aktivitäten beitragen, denn auf der Rückseite wurde vermerkt: „Schatzkarte zum Besten seiner Ferienheime“.

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Rückseite der Postkarte vom Herbstfest

Auch wenn wir über die einzelnen Fahrten des Knabenbundes nicht informiert sind, darf angenommen werden, dass sie sich nicht wesentlich von jenen unterschieden, die Horst Brockhoff am Beispiel des „Touristenbundes Wanderlust“ (TBW), einem Zusammenschluss von Hamburger Abiturienten, unter dem Titel „Eine Hütte für die Wanderfreunde. Erlebnisbericht aus der Frühzeit des Heidetourismus vor dem 1. Weltkrieg“ in dem von ihm zusammen mit Gisela und Rolf Wiese 1998 im Verlag des Freilichtmuseums am Kiekeberg herausgegebenen Sammelband „Ja, grün ist die Heide… Aspekte einer besonderen Landschaft“ (S. 199-216) dargestellt hat.

In der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg suchten an den Sommerwochenenden immer größere Scharen von Stadtbewohnern zumeist per Bahn Zuflucht von der Hektik und dem Lärm der industriellen Produktion, der zunehmenden Vereinzelung der Mietshausbewohner in der Heide. Ruhe suchten sie, Licht und Luft wollten sie genießen und dabei fürs Wandern zweckdienliche „Reformkleidung“ tragen. Aber nicht nur die Ersetzung des gestärkten Stehkragens durch den der Bewegung in der freien Luft besser angepassten Schillerkragen und der Verzicht auf Straßenschuhe zu Gunsten von richtigen Wanderschuhen wurde propagiert, auch bei der Ernährung wurde die „Reformkost“ bis hin zum Vegetarismus als nachahmenswert herausgestellt. Eine besondere Gruppe stellten dabei, wie Brockhoff ausführt, jugendliche Gruppen dar:

Gerade jugendliche Wandergruppen suchten nach eigenen Ausdrucksformen und vertieften Naturerlebnissen, indem sie besonders weite und anstrengende Fahrten abseits der touristischen Zentren unternahmen. Für sie bot die Heide in zweifacher Hinsicht einen Freiraum: Auf Heidefahrt konnte man weitgehend losgelöst von der Enge der Verhaltens- und Kleidungsnormen der wilhelminischen Zeit agieren und seine Zeit frei gestalten. Zugleich wollte man sich durch den eigenen Fahrtenstil vom (erwachsenen) Durchschnittswanderer unterscheiden. Auch über ein vertieftes Wissen zur durchwanderten Region und den Kontakt zur Dorfbevölkerung wollten sich die jugendlichen Wanderer von den übrigen Stadtflüchtigen und deren ,banaleren' Formen des Naturerlebens absetzen. Für sie war Wandern mehr als bloße Freizeitgestaltung. Es bedeutete einen Aufbruch in die Natur, die ein anderes Leben auf Zeit jenseits der Zivilisation und der bürgerlich-städtischen Konventionen verhieß und den Aufbau eines eigenständigen jugendlichen Lebensgefühls neben der Erwachsenenwelt ermöglichte. […] ,Auf Fahrt', also während der sonntäglichen Wandertour, wollten sich die Vereinsmitglieder fern von ihrer Stadtexistenz, den Zwängen des Elternhauses sowie der kopflastigen und vertrockneten Schulatmosphäre jener Zeit erleben, sich nach innen wie außen als zusammengehörige Gemeinschaft darstellen.[…]

Als gruppenspezifisches, wiederkehrendes Ritual erscheint schon der Beginn der Wanderungen, wie er im Fahrtenbuch aufgezeichnet wurde. Mit einem ,Umgang' durch die Straßen Harburgs holten sich die Freunde schon am frühen Sonntagmorgen zwischen 6 und 7 Uhr gegenseitig ab. Vor der Haustür erscholl ein „siebensilbiger Pfiff", den der Abgeholte mit einem ebensolchen als Zeichen „feldmarschmäßiger Bereitschaft" zu beantworten hatte. Nun ging es zum Bahnhof. Als Zeichen knapper Finanzen, aber auch bewußt gewählten anspruchslosen Reisens, wählten die Wanderfreunde stets die dritte Wagenklasse. Dem frühmorgendlichen Aufbruch entsprach eine späte Rückkehr: Erst gegen 21 Uhr oder später trafen die Freunde am einzig vollständig schul- oder arbeitsfreien Wochentag wieder in Harburg ein […].

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Heidegrab bei Südbostel - Postkarte des Deutschen Knabenbundes von 1909 in Hamburg

Die freie Natur sollte für die Wanderfreunde mehr sein als eine bloße Kulisse des Freizeiterlebnisses. Man empfand sich in Kontrast zu den durchschnittlichen Ausflüglern […]. Daher gehörte auch die gegenseitige Vermittlung vom richtigen Verhalten in Feld und Wald, die Einübung der Orientierung mit ,Karte und Kompaß' sowie das Unterweisen in Kenntnissen der Natur- und Kulturgeschichte der heimatlichen Region zum Programm vieler Wandertouren der Gruppe. […] Das Aufsuchen von Orten und Landschaftspunkten, welche die Geschichtlichkeit der erwanderten Region in sich bargen [wie beispielsweise die Sieben Steinhäuser; W. B.], gehörte zum typischen Fahrtenverlauf des TBW wie anderer organisierter Wandergruppen. […]

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Rückseite der Postkarte vom "Heidegrab bei Südbostel"

Eng verbunden mit dem Erleben der Natur war für die städtischen Jugendlichen die gemeinschaftliche Erfahrung des Gruppenessens und (getrenntgeschlechtlichen!) Gruppenschlafens sowie die ,Stählung' des eigenen Körpers bei Freiluftgymnastik und den üblichen „Klotz-" oder „Gewaltmärschen". […]. Asketische Körperertüchtigung und die Öffnung der Sinne für die Naturschönheiten der Heideregion wollte man offenbar in einem Zuge realisieren. […]

Da immer mehr städtische Wandergruppen, am Wochenende in die Heide aufbrachen, bereitete es immer größere Schwierigkeiten, ein Quartier zu finden. Ein Zeltlager, wie es vom „Deutschen Knabenbund von 1909 in Hamburg“ an der Böhme bei Fallingbostel aufgeschlagen wurde, konnte zwar zur „Stählung“ beitragen, doch strebten einige Gruppen danach, feste Landquartiere, in denen die Gruppe unter sich war, zu bekommen. Das konnten in Eigenhilfe zusammengezimmerte einfachste Gebäude sein, es konnten aber auch funktionslos gewordene Schafställe, Mühlen, Schmieden oder Häuslingshäuser umgenutzt werden. Der „Deutsche Knabenbund von 1909 in Hamburg“ scheint dies, wie der Verkauf von „Schatzkarten“ für seine Ferienheime beweist, angestrebt zu haben. Ob diese Pläne auch Wirklichkeit wurden, ist nicht bekannt.