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Archivalie des Monats Dezember 2025: Hans Stuhlmacher berichtet von Weihnachten auf den Bauernhöfen in der Heidmark

In seinem Buch „Die Heidmark“ hat der Heimatforscher Hans Stuhlmacher (1892-1962) auch vieles über das Brauchtum in früheren Zeiten zusammengetragen. Wie Weihnachten in den Orten, die der Anlegung des Truppenübungsplatzes Bergen in der Mitte der 1930er-Jahre weichen mussten, gefeiert wurde, fand dabei natürlich auch Berücksichtigung. Seine Auführungen beginnt Stuhlmacher mit dem Weihnachtsbaum.

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Hans Stuhlmacher (1892-1962).

 

Man hängte an ihn früher allerlei „Gebäckels“[Gebäck], das oft Schwein, Hahn, Hase, Pferd, Habbock und Mann und Frau darstellte. Gegessen wurden immer „diche Stuten mit’n Lock“. 30-40 Bodder- un Giftkooken [das plattdeutsche „Gift“ wird hier in der Bedeutung von Gabe, Geschenk verwendet] backte die Bauersfrau. (Giftkooken wurde von Roggen- und der 2. Sorte Weizenmehl gebacken.) Die Deensten [die Mägde, Knechte und anderen auf den Höfen beschäftigen Personen]bekamen jeder einen Bodder- und einen Giftkooken am Abend vor Weihnachten. Damit mußten sie bis zum Tag nach Neujahr auskommen, dafür gab es während der Zeit zum Frühstück nur Kaffee ohne Zutaten.

Weihnachten wurden soviel Kuchen wie irgend möglich gebacken; denn man sagte, der erste, der im neuen Jahr wieder backen mußte, mußte den ersten Toten hergeben. So kam es vor, daß mancher Bauer Lichtmessen [Mariä Lichtmess am 2. Februar] noch Brot von Weihnachten und Weihnachtskuchen hatte; denn es wurden zu Weihnachten auch bis zu 50 Brote gebachen.

Bild vergrößern: So idyllisch stellte man sich auf alten Postkarten Weihnachten im Dorfe vor.
So idyllisch stellte man sich auf alten Postkarten Weihnachten im Dorfe vor.


Am Abend vor dem ersten Weihnachtstag war Dickbuuksabend [Dickbauchsabend]. Dann wurde Sauerkohl oder auch brauner Kohl gegessen („de brune Kohl wör in’n Stötammer stött“) [der „Stötammer“ war ein großer hölzerner Behälter bzw. Eimer, in dem der Kohl mit Hilfe eines Stoßeisens zerkleinert wurde], und dazu stand ein ganzer Schweinskopf (Juleber) bunt ausgeschnitten mit einer be­stimmten Zahl von Karrn [Körnern] und einem Apfel im Maul auf dem Tisch. Die Zeichen auf dem Kopf waren aus der Haut geschnitten oder mit Nägelkenköpp [Nelken] verziert. Den Kopf nannte man Höftskopp. […]

Als einst nun der Höftskopp wieder einmal Dickbuuksabend auf dem Tisch auf einem großen Hof der Heidmark stand, sagte der Bauer F. G.: „Süß [sonst] hebbet wi dor niks bi seggt, de Höftskopp is jümmer rund gaan, un jedereen hett sick’n Stück affsnäen. Datt schall ok so bliewen, awer jedereen, de sich dor ‘n Stück von affsnitt, mutt dor’n Spruch ut de Bibel to seggen.“ De Buur füng nu, ans jümmer, an un sä: „Man gab ihm einen Backenstreich“, un denn snä he sick’n Stück von’e Backen von’n Höftskopp weg. Nu köm de Grotknecht. De sä na kotten Oewerleggen: „Und Petrus hieb ihm das rechte Ohr ab.“ Un denn dä he datt ok. Nu köm de lüttje Knecht. De keek verlägen na denn Höftskopp, woll ok’n good Stück hemn un könn keen Spruch fin’n. Upp eemal sprüng he upp, snappt sick denn gansen Höftskopp, hol em ünnern Disch un sä: „Und er verschwand vor ihren Augen.“

Bild vergrößern: Weihnachten war ein Fest für Groß und Klein.
Weihnachten war ein Fest für Groß und Klein.

Am Dickbuuksabend bekam das Vieh von allem, was in dem Jahre gewachsen war. Ja, man gab dem Vieh dazu hier und da auch ein Stück Wurst und Butterkuchen. „Hebbt us Kei [Kühe] ok Dickbuuksabend hatt?“ fragte dann regelmäßig der Bauer. Die Dienstleute bekamen von sämtlichen Sorten Wurst. Hinterher gab es die beliebte „Brannwienkoschaal“ [Branntweinkaltschale]. Sie wurde mit Honigkuchen, Stutenbrocken, geröstetem Brot, Zucker, Honig und verdünntem Branntwein zubereitet und in zinnernen Schüsseln hergerichtet, mit zinnernen Füllöffeln auf zinnerne Teller ge­füllt und mit zinnernen Löffeln gegessen. Beim Essen der „Koschaal“ gab’s viel Freude und Geräusch.

An einem Sonnabendabend hatten die Knechte in Ettenbostel so viel „Koschaal“ getrunken, daß Tanken Knecht am Sonntagmorgen noch nicht wieder ganz durch war. Er ging aber doch zur Kirche nach Ostenholz und schlief dort ein. Wie der Klingel­beutel an ihm vorbeikommt, wacht er auf. Er denkt, wie er das Geräusch hört, das ähnlich so klingt, wie das Klappern der Zinnlöffel an den Zinntellern, es solle ihm „Koschaal“ nachgefüllt werden. Da ruft er laut mit abweisender Handbewegung: „Nu mag ich keen Happen mehr, un wenn’t ok Koschaal is.“

Am ersten Festtag gab es gewöhnlich dicke Klütjen mit Krinjen [Klöße mit Korinthen], dicken Ries mit kaakte [gekochte] Zwetschen.

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Hans Stuhlmachers 1939 erschienenes Buch "Die Heidmark"

(Hans Stuhlmacher: Die Heidmark. Hannover: C. V. Engelhard & Co. Gmbh, 1939, S. 77.)

27.11.2025