Archivalie des Monats Januar 2026: »Fabelhafter« Schulunterricht in früheren Zeiten
Der Schulunterricht folgte vor 120 Jahren anderen Konzepten, als sie heute in der Pädagogik angewendet werden. „Anschauungsunterricht“ und „Heimatkunde“ waren damals Vorläufer dessen, was heute als „Sachkunde“ umschrieben wird. Auch in der Fallingbosteler Volksschule, deren Gebäude 1892 auf einem Teil des vormaligen Amtsgartens errichtet worden war (heute befindet sich in den Räumlichkeiten der Kindergarten Soltauer Straße), wurde so unterrichtet.
Wilhelm Westermann hat in seiner „Orts-Chronik von Fallingbostel“, die zunächst 1949 und 1952 in zwei Bänden erschien und heute in einem Nachdruck in einem Band im Bad Fallingbosteler Rathaus erworben werden kann, einen Abschnitt „Allerhand ut ohle Tied“ genannt. In den kleinen Anekdoten und Geschichten hielt er auch ein Ereignis fest, das er selbst erlebt haben könnte. Ein „Lehrer W.“ steht nämlich im Mittelpunkt einer Geschichte, die sich „um 1907“ zugetragen haben soll – Wilhelm Westermann war nun an der Fallingbosteler Volksschule Lehrer vom 16. Oktober 1907 bis zum 31. Januar 1947. Aber lesen Sie selbst:
Er paßt gut auf
Die Kleinen in der Schule haben, wie es früher so um 1907 herum hieß, Anschauungsunterricht. Lehrer W. hat ein Bild zur Hey'schen Fabel besprochen. Das Bild hängt im Klassenzimmer vor den Kindern, denen es Freude gemacht hat. Nun sollen sie von dem, was der Lehrer auf dem Bild zeigt, von dem, was die Tiere und Menschen tun und sagen, etwas mit eigenen Worten wiedergeben. Es ist die letzte Unterrichtsstunde eines heißen Sommertages, die Spannkraft ist ziemlich am Ende.
Daher kommen die Finger nur spärlich hoch. Lange ruht der Zeigestock des Lehrers auf einem und demselben Gegenstand des Bildes, ohne daß sich ein Fibelschütze zur Antwort meldet. Der Lehrer ermahnt, doch mal recht zuzusehen, was er jetzt mit dem Finger umschreiben und genau bezeichnen will. Dabei führt der Lehrer den Finger so mechanisch ins Ohr. Sofort meldet sich der kleine Heinrich L. und sagt: „Du paulst Dichs Dreck ausz Ohr!“ (Original: Bd. 1, S. 196f., Nachdruck in einem Band S. 204 f.)
Die 1833 vom Ichtershausener Superintendenten Wilhelm Hey (1789-1854) zunächst anonym herausgebrachten „Fünfzig Fabeln für Kinder“, denen wenige Jahre später „Noch fünfzig Fabeln für Kinder“ folgten, waren die am meisten verbreiteten Kinderbücher des 19. Jahrhunderts, die in allen bürgerlichen Elternhäusern zu finden waren. An diesem Erfolg hatten die Illustrationen des in Hamburg lebenden Otto Speckter (1807-1871) einen nicht unerheblichen Anteil.
Die Fabeln fanden auch noch ein Jahrhundert nach ihrem Erscheinen Verwendung im Schulunterricht. Für diesen Zweck gab der Verlag Friedrich Pertes eine ganze Reihe von „Schultafeln“ heraus, die an die Wand gehängt und dann mit Hilfe des Zeigestocks erläutert werden konnte. In der 5. Lieferung war die Fabel „Schwan“ enthalten, auf die sich möglicherweise Westermanns Geschichte bezieht.
In der 1883 erschienenen Jubiläumsauflage lautet der Text:
Schwan
„Höre du, Knabe am Ufer da,
Komm meinen Kindern nicht zu nah'!
Du, laß das böse Werfen nun!
Ich mag sonst niemandem übel thun;
Doch nun lauf schnell; sonst sollst du sagen,
Wie derb ich kann mit den Flügeln schlagen.“
Der Knabe sprang geschwinde davon,
Er fürchtete sich vor dem bösen Lohn.
Der Schwan lief ihm nach ein kleines Stück,
Kam schnell dann zu seinen Kindern zurück;
Er mochte sich lieber an ihnen freu'n,
Als jagen so hinter jenem drein.
Diesem bösen Knaben wird in der dann folgenden Fabel ein tierfreundliches Kind gegenübergestellt:
Schwan und Kind
„Kind dort, was scheust du dich?
Gar nicht so bös bin ich,
Schwimme daher ganz sacht',
Daß es kein Wellchen macht;
Mochte dich nur fragen eben:
Willst du ein Stückchen Brot mir geben?“
Das Kind trat zu dem Teich heran
Und freute sich an dem schönen Schwan,
Wie rein und weiß war sein Gefieder,
Wie sanft er schwamm so hin und wieder;
Es wurde bald mit ihm bekannt,
Ließ das Brot ihn nehmen aus seiner Hand.
Der Grundschulpädagoge Dr. h. c. Horst Banitzky hat die Leistung der Fabeln von Hey 2022 beschrieben: „Die Fabeln des 18. Jahrhunderts waren als Textsorte der Aufklärung Lehrtexte, oft mit einer ausformulierten Lehre am Schluss. Mit den Fabeln von Hey zeigte sich eine neue Fabelliteratur, in der naturbezogene Gegebenheiten ins Zentrum rückten. Für den pietistischen Pfarrer Wilhelm Hey war die Liebe zu allen Geschöpfen Gottes das Motiv seines Handelns, ebenso bei seinen Dichtungen. Das sollten auch die Fabeln vermitteln, zumeist ohne ausdrücklichen Lehrsatz. Die Kinder sollten emotional angesprochen werden, nicht primär verstandesorientiert.“
Das von Banitzky beschriebene Neue, was sich mit den Fabeln verband und wesentlich zum Erfolg nicht nur im deutschsprachigen Raum, sondern auch in Übersetzungen in andere Sprachen beitrug, hat Hey selbst in einem bereits in der Erstausgabe des Buches enthaltenen Hinweis „An die Eltern“ 1833 herausgestellt. Hey (und Speckter) hatten ihr Buch auf eine konkret benannte Altersschicht ausgerichtet. Von den zu ihrer Zeit üblichen Bilderbüchern wollten sie sich bewusst abheben. Auch über die Art, wie die Vermittlung an die Kinder durch die Eltern – aber wohl auch durch die Lehrer – erfolgen sollte, hatten sie konkrete Vorstellungen.
An die Eltern.
Dieses Buch ist zunächst für Kinder von vier bis sieben Jahren bestimmt. Wenn wir die rechte Wahl und den rechten Ton getroffen haben, so zweifeln wir nicht, daß auch Größere, Kinder und Nichtkinder, es in die Hand nehmen und sich daran erfreuen werden. Das wahrhaft Kindliche hat ja einen Reiz für jedes Alter.
Ungern wollten wir, daß es mit der Menge gewöhnlicher Bilderbücher auf eine kurze Zeit die Kinder beschäftigte und dann hingeworfen würde. Es sollte vielmehr auf lange hin ihr Liebling bleiben und dadurch ihnen für Sinn und Gemüt wahrhaft bildend werden. […]
Nun noch unseren Rat, wie ihr Mittler das Buch gebrauchen möget. Durch die trefflichen Bilder wird das Kind gewiss angezogen; laßt es mit ihnen allen vertraut werden; doch gebt ihm das Buch nicht zu viel in die Hände. Leset ihm dann eine oder die andere Fabel vor, wenige auf einmal, bis es sie selbst ohne Anstrengung lesen kann.
Will es gern, so laßt es sie auswendig lernen, aber macht ihm das Buch nicht zur Qual. Was es einmal gelernt bat, wiederholt zur rechten Zeit. Es soll nichts vergessen. […]
Wenn unser Buch euch und ihnen gefällt, so sagen wir gern, daß wir von solchem Scherz und Ernst in Bild und Wort noch mehr Vorrat haben.
Möge Gott eure Lieblinge fröhlich gedeihen lassen!
I c h t e r s h a u s e n, 23. Mai 1833.