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Archivalie des Monats Juni 2018: Die Umsiedler Alice und Arno Schmidt und der Gasthof „Zur Börse"

Nach dem Zweiten Weltkrieg hatte sich der Landkreis Fallingbostel zu einer Flüchtlingshochburg entwickelt. Angestrebt wurde deshalb, Flüchtlinge und Vertriebene in Bundesländer umzusiedeln, in denen der Anteil der „Neubürger" niedriger war. Auch Alice und Arno Schmidt machten von dieser Möglichkeit Gebrauch. Bei ihrer Umsiedlung spielte der Fallingbosteler Gasthof „Zur Börse" eine Rolle, der auch Eingang in Arno Schmidts Erzählung „Die Umsiedler" fand.

Der Landkreis Fallingbostel durfte mit Fug und Recht als Flüchtlingshochburg bezeichnet werden, in der es 1950 bei einer Gesamtbevölkerung von 79.722 Personen ein Übergewicht von 37.856 Neubewohnern (Flüchtlinge, Vertriebene, Evakuierte und Sonstige) gegenüber nur noch 36.669 Einheimischen gab. Dadurch traten hier sehr stark all jene Probleme zutage, die auch andernorts das Leben der Flüchtlinge und Vertriebenen neben dem Verlust der Heimat belasteten: hohe Arbeitslosigkeit, sozialer Abstieg und gesellschaftliche Isolierung.

Die vom Flüchtlingszustrom besonders hart betroffenen Bundesländer bemühten sich deshalb, zu einem Bevölkerungsausgleich zu gelangen. Entsprechende Verhandlungen zwischen den Ländern der westlichen Besatzungszonen begannen 1946, doch sträubte sich die französische Besatzungsmacht lange gegen eine gelenkte Umsiedlung in ihr Gebiet. Die im November 1949 erlassene erste Bundesumsiedlungsverordnung gestattete es dann, 150.000 Flüchtlingen aus Schleswig-Holstein und jeweils 75.000 aus Bayern und Niedersachsen einen neuen Wohnort zuzuweisen. Angesichts von rund 1,8 Millionen Flüchtlingen, die allein in Niedersachsen lebten, blieb der Erfolg der Aktion minimal.

Das Verfahren der Umsiedlung sah vor, dass zunächst ein formeller Antrag eingereicht wurde und danach eine Vorstellung vor einer Auswahl-Kommission des Aufnahmelandes stattfand. Am 3. November 1949 kam die Kommission aus Baden nach Fallingbostel, wo sich die umsiedlungswilligen Familien – vor allem aus den Orten Benefeld und Hülsen – in der Gastwirtschaft „Zum Amtshof" einzufinden hatten. Kommissionen aus anderen Ländern wählten in der Folgezeit ebenfalls in Fallingbostel ihre Neubürger aus. Die im September 1950 gezogene Bilanz fiel jedoch bescheiden aus: „Die Umsiedlung brachte dem Kreis nur geringe Erleichterung. Im November 1949 wurden 41 Familien mit 150 Personen umquartiert, im Mai 1950 suchte die Kommission für die Umsiedlung erneut 25 Familien mit 93 Personen aus, für Süd-Baden. Kleinere Gruppen verließen außerdem den Kreis. Mancher Wunsch auf Arbeitsplatz und bessere Wohnung wird noch lange unerfüllt bleiben, denn 1.000 Familien mit 3.000 Personen wollen den Kreis Fallingbostel mit dem Süden vertauschen." Weitere und umfangreichere Umsiedlertransporte gingen dann im November und Dezember 1950 vom Fallingbosteler Bahnhof aus nach Süddeutschland ab.

Zu den Umsiedlern, die auf diese Weise den Landkreis Fallingbostel verließen, gehörte auch der zu den bedeutendsten zeitgenössischen Schriftstellern zählende Arno Schmidt (1914-1979) mit seiner Frau Alice (1916-1983). Nach Arno Schmidts Entlassung aus der britischen Kriegsgefangenschaft in Munster zog das vorher in Schlesien lebende Ehepaar Schmidt am Nachmittag des 29. Dezember 1945 auf den Cordinger Mühlenhof. Zunächst arbeitete Arno Schmidt als Dolmetscher an der in Benefeld ansässigen Hilfspolizeischule des Bezirks Lüneburg, danach war er als freier Schriftsteller tätig. Trotz der überaus bescheidenen Lebensumstände eines Flüchtlings begann Schmidt auf dem Mühlenhof mit einem Werk, das wegen seiner radikalen Ästhetik und seiner Sprachgewalt aus der Masse der damals erscheinenden sogenannten „Trümmerliteratur" herausragte. Sein erstes Buch, der drei Erzählungen umfassende Band „Leviathan", erschien 1949 im Rowohlt Verlag.

Aus den beengten Wohnverhältnissen mit vielen Mietparteien auf dem Mühlenhof, wo es zudem noch mit Helene Felsch zu einem Gerichtsverfahren wegen Mietzahlungen für Hausrat gekommen war, suchte Schmidt durch den Antrag auf Umsiedlung zu entkommen. Dabei dürfte ein sich am unteren Minimum des Existenzniveaus bewegender freier Schriftsteller nicht gerade den Erwartungen der Behörden des aufnehmenden Landes entsprochen haben. Nach dem Willen der Umsiedlungskommission sollten die Flüchtlinge entweder bereits einen neuen Arbeitsplatz vorweisen können oder zumindest Berufe ausüben, die der wirtschaftlichen Struktur des Landes entsprachen.

Dennoch hatte Arno Schmidt Glück. In dem von Susanne Fischer 1995 für die Arno Stiftung Bargfeld herausgegebenen Buch „,Umgängliche Nachbarn erwarten euch’ – Zu Arno Schmidts ‚Die Umsiedler’" wird berichtet, dass er am 7. November 1950 in der Sprechstunde des Flüchtlingsbetreuers erfuhr, seine Umsiedlung nach Alzey wäre vorgesehen. Am 23. November wurde ihm mitgeteilt, dass der Transport am 1. Dezember um 8.00 Uhr vom Fallingbosteler Bahnhof abgehen sollte. Das Hab und Gut der Umsiedler sollte am Tag zuvor verladen werden, die Nacht über durften sich die Umsiedler in der direkt am Bahnübergang gelegenen Gastwirtschaft „Zur Börse" aufhalten.

Alice Schmidt beschrieb in ihrem Tagebuch, wie sich die Umsiedlung vollzog: „30. 11. [...] 4.30 Uhr aufgest. [...] Um punkt 7 erschien der Spediteur. Lepke erschien helfen. Dann auch Herr Müller & beide fuhren mit nach Falling ausladen. [...] Fallingbostel. Bahnhof. Da drüben steht ein Zug: Personenwagen & Güterwagen dran. 3 Pers. 2 Güterw. So sehr gut angezogene Menschen drinn. - Nein falsch, wieder zck. auf anderen Bahnseite. Erfuhren dann: dies waren DPs, die nach Australien auswandern. - Oh mit denen hätten wir schon tauschen wollen. - Und da: lange Güterwagen. [...] Zugig auf’m Bahnsteig. Die Sonne wärmt nicht mehr. (Wir waren mit unserm Aufladen gegen ½ 10 fertig) Bis mittag auf Bahnsteig. A. macht ein Bild. - (Ich mit Gepäck. Zug lag leider ganz im Schatten)

Dann in das uns angewiesene Gasthaus: „Die Börse." [...] Hatten glücklicherweise ein kl. Tischchen gefunden, an dem nur wir 2 saßen. Schreckliches Anöden & blödeste Gespräche der Nachbarn. 1. 12. Gegen ½ 5 erschien das ,Rote Kreuz’ mit Frühstück. Milchkaffee, süß mit mit Kunsthonig bestrichenem Graubrot & Kuchenbrot. Da etwa 20 Personen ausgefallen sind, war reichlich übrig & wir kriegten ne ganze Menge als Proviant v. der Sorte mit (Unser Brot war auch grade zu Ende). 5.52 Uhr. Abfahrt."

Arno Schmidt verarbeitete diese Erlebnisse in seiner 1952 geschriebenen Erzähung „Die Umsiedler" zu einer gleichermaßen zärtlichen wie illusionslosen Liebesgeschichte: Beim Verladen ihrer Habseligkeiten auf dem Fallingbosteler Bahnhof lernen sich der Ich-Erzähler und Katrin kennen. „Zwei Gastzimmer der Börse; erst halb voll, vorm Fenster lockte ein winziger Rundtisch. Ich schob die Schuhspitze an den Rand des nächsten Sonnenflecks und bat: ,Sind Sie auch allein ?!’ Sie überlegte, gerade so wie man soll; dann wiegte sich ziervoll der Lippenkelch: ,M-m.’ Sah anerkennend zu, wie ich die zwei Stühle belegte, und mit den Koffern unsere Weltecke verschanzte."

Auch die Betreuung durch das Fallingbosteler Rote Kreuz schlug sich in den „Umsiedlern" literarisch nieder: „Katrin brachte wieder die Wärmflasche mit dem Rotkreuzkaffee heraus, und wir aßen Jeder eine der gutgemeinten Honigschnitten" heißt es in der Erzählung. Wesentlich prosaischer lautete die Eintragung im Protokollbuch des DRK: „1. 12. 50. 147 Umsiedler wurden morgens von ½ 5 bis ½ 6 Uhr mit Kaffee u. Butterbroten verpflegt i. d. ,Börse’ u. b. ,Bente’."

Für die Fallingbosteler Ortsgruppe des DRK stellte die Umsiedlerbetreuung in dem hinter der Bahnüberführung Richtung Oerbke gelegenen Gasthof „Zur Börse" und dem „Bahnhofshotel" Bente in der Bahnhofsstraße eine wichtige Aufgabe dar. Vom 20. November bis zum 1. Dezember wurden in den beiden dem Bahnhof am nächsten gelegenen Gastwirtschaften insgesamt 426 Umsiedler mit Kaffee, Butterbroten und einmal sogar mit Rindfleischsuppe verpflegt.

Wenigstens beim Abschied aus Niedersachsen schien durch diese Geste für einen Augenblick das Verhältnis zwischen den Einheimischen und den Flüchtlingen entspannt zu sein – oder, so würde Schmidt vielleicht zynisch fragen, war man einfach nur froh, unliebsame Gäste fahren zu sehen? Was er ansonsten über die Einheimischen zu sagen wusste, klang in der Regel so wie Katrins Auskunft auf die Frage, weshalb sie sich zur Umsiedlung gemeldet hat: „Ich war bei einem scheußlichen alten Weib zur Untermiete, so eine ,vornehme’ Greisin, mit ner total bekloppten Tochter. Sie schwärmte immer noch von ,unserem herrlichen Bismarck’, und wollte für jede Tracht Wasser 2 Pfennig und n Psalm –"

Mittlerweile wurde die Erzählung „Die Umsiedler" ins Italienische, Französische, Spanische, Schwedische, Englische, Russische und Japanische übersetzt. Wenn man so will, könnte man sagen, dass der Fallingbosteler Gasthof „Zur Börse" dadurch auch ein wenig zur Weltecke wurde…