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Datum: 29.09.2026

Archivalie des Monats Oktober 2026: Hans Stuhlmacher erinnert sich an Grefel Dorjen

Auf dem Dorfmarker Marktplatz erinnert ein Brunnen an eine der eigenwilligsten Gestalten der Heidmark: Grefel Dorjen. Der Lehrer und Heimatforscher Hans Stuhlmacher (1892-1962) hat sie für sein 1936 erschienenes Buch „Die Heidmark“ aufgesucht und sich von ihr aus ihrem Leben erzählen lassen. 

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Grefel Dojen vertellt, de Zigarrn inne Hand

Die 1911 von Grefel Dorjen angelegte Abbauerstelle gehörte zur Gemarkung Obereinzingen. Für die Anlegung des Truppenübungsplatzes Bergen musste auch sie Mitte der 1930er-Jahre des vorigen Jahrhunderts aufgelöst werden. Grefel Dorjen umgesiedelt werden. Neben dem, was sich Stuhlmacher von Grefel Dorjen erzählen ließ, vermitteln auch die für das Buch „Die Heidmark“ aufgenommenen Fotos ein eindrucksvolles Bild dieser resoluten Einsiedlerin.

Beim nun folgenden Abdruck des entsprechenden Abschnitts aus Stuhlmachers „Die Heidmark“ wurde seine Schreibweise des Namens als „Dojen“ beibehalten.

Abbauerstelle Nr. 65 (Grefel)
Besitzer: Dorothee Grünhagen

Im Jahre des heißen Sommers 1911 wird die Stelle von 37 Ar von Dorothee Grünhagen errichtet. Weil sie dicht vorm Grefel wohnt, nannte man sie allgemein »Grefel Dojen «. Sie ist unverheiratet geblieben und führt nun seit vielen Jahren ein Einsiedlerleben. Fleißig, treu und ehrlich, dabei derb und wetterhart ist Dojen immer ge¬wesen. Noch nie hat sie ein Blatt vor den Mund genommen, alles an ihr ist wahr und echt. Trotz ihres hohen Alters, sie ist am 17. April 1854 in Hanglüß geboren, ist sie immer eifrig tätig. Noch im Herbst 1936 hat sie tagelang, trotzdem das Gliederreißen sie plagte, auf den Knien rutschend, ihre Kartoffeln ausgekriegt; es leistete ihr dabei nur ihre treue Katze Gesellschaft.

Gegen Fremde ist sie sehr abweisend, hat man aber ihr Vertrauen gewonnen, dann erzählt sie gern von alter Zeit mit einer Natürlichkeit und Frische, wie man sie selten findet. So saßen wir denn in ihrem kleinen, sauberen, mit Sand gestreuten Stübchen. Hell schien die Sonne durch die freien Fenster; denn Licht liebt Dojen, Gardinen sind ihr verhaßt. Auf einem Stuhl am Fenster sitzt die alte, treue Frau aus der Heidmark in der Blaujacke, ein Tuch um den Kopf (bei der Arbeit draußen trägt sie einen Mannshut), derbe Männerstiefel an; lustig dampft die Mutzpfeife [kleine Tabakspfeife]; denn alles an Dojen ist männlich und hart.

Und nun wird erzählt, vor allem von Engel Mudder von Hanglüß, die sie erzogen hat: »De wör mien Wäschen (Tante), Swester von mien Mudder, Engel rook ok'n Piepen un harr lange Stäbel an, faken bünn ick mit eer, wenn süß nüms mit woll, dör denn dicken Snee in lange Stäbel von Hanglüß na Derpmark na Kerken gaan. – Un denn de ole Hannür, de mi jümmer räden hett, in Orbossel wör datt ganz leeg. – Beer von Honnig (Meet) hefft wi väl maakt. Un lüttjen Sluck mag ick von Dach noch girn.«

Und so ging's weiter, von all den alten Sitten und Gebräuchen wußte Dojen so viel. Ernährt hat sie sich vor allem vom Beeren- und Pilzsammeln, Immen- und Ziegenzucht, Korbflechten und Ledderstraalen schneiden. Zeitweise hatte sie 61 Immen, »föfftein ole heff ick staan laaten un de olen Meeschen, de mi Winnerdag bi’n Tielock puckern dän, heff ick doodschaten. Scheeten heff ick jümmer good künnt. Mien Flinten steit in’e Kaamer. – Een von mien ölen Bodderhexen (Ziegen) is mi dood gaan.

Een Dag köm hier een un sä to mi: .Kann'ck hier woll von Nacht bliew'n? .Watt büst du för een?' heff ick seggt, ans he jümmer grienen da. Tolest hett he seggt: ,Ick bünn Christoffer von Hanglüß.' – ,Büst du Christoffer, denn wes' mi irst dien Slutterbeen.' Un ans nu Christoffer Drewes sien holten Been wiesen dä, dor wör de Freide grood, un dor güng datt Vertell‘n von ole Tieden los.«

Bild vergrößern: Die 1911 Dorothee Grünhagen, genannt Grefel Dojen oder Dorjen, errichtete Abbauerstelle.
Die 1911 Dorothee Grünhagen, genannt Grefel Dojen oder Dorjen, errichtete Abbauerstelle.

Grefel Dojen liebt ihre Heimat über alles, für sie ist es besonders schwer, daß sie fort muß. »Wo schall ick bliewen, wenn'n olen Vagel int Buur sparrt, geit he dood. Ick will hier bliew'n, kann hier good läb'n in mien Heid' un Busch.« Treu und redlich hat sie sich durchs Leben geschlagen. Niemand kann so gute Körbe flechten wie Grefel Dojen. Alle neumodschen Sachen sind ihr verhaßt. Als man ihr zu Weihnachten einmal ein Paar Schuhe schenken wollte, besah sie sich die Schuhe, sah einen höheren Hacken darunter, ging mit den Schuhen zum Hauklotz, nahm das Beil, schlug die hohen Hacken ab und sagte dann: »Sonne Scho kann ick nich bruuken, nimm se man wedder mit; denn Boderkooken kannst de hier lasen, awer de ullen Saagspön (Kokosraspel) möt dor rünner, datt is nix för us Ort Lü.«

Bild vergrößern: Grefel Dorjen
Grefel Dorjen

Hier sehen wir nun als bleibende Erinnerung Grefel Dojen im Bilde. Und wir müssen bei ihr dafür Abbitte tun, daß man sie doch überlistet hat. »Soon ole Froo affnämen, gaat ji mit denn ollen Schietkassen hier nich aff, denn hau‘ck em twei, sonn Narrnsputzen, ich heff all na een mit de Schüssel smäten, de kherrüm klabastern dä.« Als nun Grefel Dojen uns ihre Immen gezeigt halte und wir dann zum Abschied vor ihrer Tür standen, stellt sich Herr Schnier mit seinem [Foto-]Apparat zurecht. Das sehen und weglaufen und mit der Faust drohen, war eins, und dann guckte Grefel Dojen hinter ihrem Fenster hervor und lachte, und doch war es geschehen. Ganz deutlich war aus die¬sem Grunde das Bild nicht geworden. Inzwischen hat ein anderer zwei bessere Bilder mit List und Tücke aufgenommen. Alle, die Grefel Dojen kennen, werden sich sehr freuen, sie in diesem Buch der Heimat wiederzufinden.

Neuer Wohnort:
Dorfmark, Kr. Fallingbostel.

Bild vergrößern: Grefel-Dorjen-Brunnen auf dem Dorfmarker Marktplatz
Grefel-Dorjen-Brunnen auf dem Dorfmarker Marktplatz

Grefel Dorjen waren aber nur noch wenige Lebensjahre in ihrem neuen Wohnort vergönnt. Sie starb 1939 in Dorfmark. Seit 2001 erinnert in Dorfmark auf dem Marktplatz der vom Bildhauer Kurt Tassotii anlässlich des 75-jährigen Bestehens des Verkehrsvereins geschaffene Brunnen an diese urtümliche Frau. Gezeigt wird sie mit ihren liebsten Weggefährten, einer Katze und einer Ziege.