Archivalie des Monats Mai 2026: Nach dem großen Brand erhielt die St. Dionysius-Kirche 1793 einen hölzernen Glockenturm
1784 zerstörte ein verheerender Brand viele Gebäude Fallingbostels. Auch die Kirche war durch Brandschäden derart baufällig geworden, dass 1830 ein Neubau nicht länger herausgezögert werden konnte. Der Glockenstuhl war dagegen nach dem Brand derart wackelig geworden, dass er bereits 1793 durch einen neuen hölzernen Glockenturm ersetzt werden musste, der freistehend neben der Kirche errichtet wurde. Erst 1905 konnte ein steinerner Turm direkt an das Kirchengebäude angebaut werden. Vom hölzernen Glockenturm sind nur ganz wenige Fotografien überliefert.
Der neun Jahre nach dem großen Brand von 1784 errichtete freistehende viereckige hölzerne Glockenturm ersetzte einen kreisrunden gemauerten Turm, von dem der Amtsvogt um 1780 meinte, dass er nicht als Kirchturm erbaut worden sei, sondern als eine Warte, eine turmartige Befestigung. Solche wehrhaften Rundtürme an Kirchen, in denen auch Glocken aufgehängt werden konnten, waren im Lüneburgischen häufiger vorhanden. In unruhigen Zeiten konnten sie der Bevölkerung als letzte Zuflucht dienen. Auch das Amtslagerbuch berichtete von einem „Bargfred“, der wohl an der Südseite der Kirche gestanden haben muss. Dieser „Bargfred“ wurde als runder Turm mit dicken Mauern, die schießschartenförmige Öffnungen hatten, beschrieben. Er wurde vom großen Brand 1784 arg in Mitleidenschaft gezogen und darauf „allmählich zum gänzlichen Verfall gekommen.“
Die Fallingbosteler Kirchengemeinde war allerdings arm. Die vom großen Brand in Mitleidenschaft gezogene Kirche hätte eigentlich abgerissen und durch einen Neubau ersetzt werden sollen. Doch die Kosten selbst für einen Neubau aus Fachwerk statt eines erheblich teuren steinernen Baus konnte die Gemeinde nicht aufbringen. Zunächst konnte lediglich eine gründliche Ausbesserung des alten Gebäudes von ihr beauftragt werden.
Angesichts dieser schwierigen finanziellen Situation konnte die erforderliche möglichst zügige Ersetzung des „gänzlich zum Verfall gekommenen“ steinernen „Bargfreds“ nur durch einen wesentlich günstigeren Holzbau geschehen. 1793 war der neue hölzerne Glockenturm fertigstellt. Dies Datum wurde auf der handgeschmiedeten Wetterfahne festgehalten. Glücklicherweise waren die beiden 1719 gegossenen Glocken unversehrt geblieben und konnten nun vom neuen Glockenturm herunter die Gemeinde zu den Gottesdiensten rufen. Die große, 1600 kg wiegende Glocke trug die Inschrift: „M. Thomas Rideweg goß mich in Hannover 1719. – Gottfried Anton Wilhelm Müller, Superintendent, Julius Carl Krauschenberg, Pastor – Carl Limont de Malorte, Oberst und Drost – Timotheus Castens, Ambt-Schreiber. Ich rufe die Lebendigen zur Buße und die Toten zur Ruhe“. Die zweite Glocke wog 900 kg. Ihre Inschrift lautete: „M. Thomas Rideweg goß mich 1719 in Hannover. – Hans zum Kruge – Heinrich Otten – Ernst Lühring – Jacob Kohte – Ich rufe die Lebendigen zur Buße und die Toten zur Ruhe."
Am Glockenstuhl befand sich eine Uhr, die man nach einem darunter angebrachten Sonnenzeiger auf die richtige Zeit stellte. Diese Uhr dürfte vermutlich nicht schon 1793 angebracht worden sein, sondern aus späterer Zeit stammen.
In seiner „Orts-Chonik von Fallingbostel“ stellte Wilhelm Westermann unter dem Datum des 24. März 1828 Folgendes fest: „Die 30 Kötner in Fallingbostel sind so arm, daß sie kaum von einem Tag zum andern hindurchzukommen wissen und sich zum Teil vom Tagelohn ernähren müssen. Das Schulgebäude ist zu klein; das Pfarrwitwenhaus eine verfallene Hütte. Das Kantorhaus ist ein altes, strohgedecktes Gebäude, die Predigerwohnung an einer Seite gesunken. In dieser armen Zeit wurde 1830 die heutige Kirche gebaut. Ihr Äußeres ist nüchtern, das Innere geradezu armselig ausgestattet. So ist sie ein Beweis für die geldliche Armut dieser Zeit.“ An anderer Stelle seiner Chronik erläutert Westermann genauer, weshalb die neue Kirche einen äußerst schlichten Eindruck machte: „Es entstand ein nüchterner Bau ohne Turm. Die Türen, Ständer und vor allem das Gestühl sind geradezu armselig, ohne Schmuck und ohne gefällige Form. Die Bänke sind in allen Teilen rechtwinklig gearbeitet und bieten nur einen sehr unbequemen Sitz.“
Die „geldliche Armut“ schlug sich auch hinsichtlich des Glockenturms nieder. Bei Westermann heißt es: „Der alte, nach dem Brand von 1784 errichtete Glockenstuhl war wackelig und eigentlich abbruchreif. Aber man mußte sich bescheiden.“ An einen Neubau war bei der Errichtung der Kirche 1830 nicht zu denken. Noch ein dreiviertel Jahrhundert musste sich die Kirchengemeinde mit dem hölzernen Glockenturm begnügen.
Erst Anfang des 20. Jahrhunderts konnte ein neuer steinerner Glockenturm direkt an der Kirche errichtet werden. Am 9. März 1904 läuteten die Glocken zum letzten Mal bei Frau Prigges Beerdigung. Ein Jahr später wurde der Fallingbosteler Gendarm Fritz Stecher, der ein Original im Beruf und als Mensch gewesen sein soll, am 24. März 1905 beigesetzt. Jetzt läuteten die Glocken zum ersten Mal im neuen Turm. Nur zwölf Jahre war es der großen Glocke vergönnt, im neuen Turm zu schlagen, dann wurde sie am 27. Juni 1917 entzweigeschlagen, um eingeschmolzen und als Rohstoff für die Waffenproduktion zu dienen…