Archivalie des Monats Juni 2026: Die 150. Archivalie folgt dem vor 175 Jahren geborenen August Freudenthal durch Fallingbostel
Vor zwölfeinhalb Jahren wurde die Rubrik „Archivalie des Monats“ auf der städtischen Homepage gestartet. Jetzt kann das Stadtarchiv zum 150. Mal auf hoffentlich gleichsam interessante wie unterhaltsame Weise aus der Geschichte der Kreisstadt berichten. Diesmal werden zur Würdigung des vor 175 Jahren in Fallingbostel geborenen Schriftstellers August Freudenthal aus dessen vierbändigen „Heidefahrten“ die Abschnitte „Fallingbostel“ und „Die Lieth“ – ergänzt durch zeitgenössische Illustrationen – wiedergegeben.
August Freudenthal wurde am 2. September 1851 in Fallingbostel als Sohn eines Maurers geboren. Das Geburtshaus befand sich gegenüber der heutigen Kreisverwaltung in der Vogteistraße. Damals befand sich gegenüber das Wohnhaus des Oberamtmanns Quintus-Icilius. Als dort Renovierungen vorgenommen wurden, mietete Quintus sich vorübergehend im Haus der Freudenthals ein. Seine Stiefschwester brachte August das Lesen bei, bevor er auf die einklassige Privatschule von Kantor Wallbrecht kam. 1862 zog er mit seinen Eltern nach Fintel, wo sein 1849 ebenfalls in Fallingbostel geborener Bruder Friedrich (1849-1929) bereits seit zehn Jahren bei den Großeltern lebte.
August sollte Lehrer werden, doch nach dem Besuch von Seminaren und der Tätigkeit als Hauslehrer brach er 1874 aus dem vorgezeichneten Lebensweg aus, um als Journalist beim „Bremer Courier“ sich und seine nach der Heirat von Anna Wehmeyer schnell wachsende Familie ernähren zu können. 1875 wechselte er zu den „Bremer Nachrichten“.
In seiner spärlich bemessenen Freizeit schrieb er zwei wenig erfolgreiche Theaterstücke, mit seinen Gedichten hatte er jedoch mehr Erfolg. Das ursprünglich niederdeutsch geschriebene, später dann von ihm selbst ins Hochdeutsche übertragene Lied „O schöne Tied, o selige Tied“ wurde vertont und sogar in Amerika und anderen Ländern gesungen.
Durch die vielen kulturgeschichtlichen und volkskundlichen Informationen in den vier Bänden seiner „Heidefahrten“ gelang es ihm, „[...] für die so oft mit Unrecht geschmähte, weil verkannte Lüneburger Heide auch in weiteren Kreisen Interesse zu erwecken […] und der Heide, die jetzt mehr und mehr durch das Dampfroß den umliegenden größeren Städten nahegerückt wird, zu den zahlreichen alten noch recht viele neue Freunde erwerben!“
Aber auch an die Heidjer wandte er sich mit den vier Bänden, betonte er doch: „Nebenbei bringen sie über die berührten Orte eine Fülle geschichtlichen und culturgeschichtlichen Materials, so daß sie auch den Bewohnern jener Gegend als ein willkommener Beitrag zur Heimathskunde erscheinen dürften.“
Den Aufschwung der von ihm mit seinem Bruder Friedrich 1895 gegründeten Zeitschrift „Niedersachsen“ zum wichtigsten Publikationsorgan der niedersächsischen Heimatbewegung erlebte er nicht mehr mit. August Freudenthal starb am 6. August 1898. Sein Grab befindet sich bis heute in der Obhut des Bremer Senats auf dem Riensberger Friedhof der Hansestadt.
Kein Geringerer als Hermann Löns pries August Freudenthal als „unseren lieben Haidsänger“, „bedeutenden Dichter“ und „einen der besten Söhne Niedersachsens.“ Löns, der erst nach der Anstellung bei einer Zeitung in Hannover 1893 in unsere Region gekommen war, führte bei seinen Erkundungen der Heide August Freudenthals „Heidefahrten“ als höchst nützlichen Reisebegleiter mit sich.
Begleiten wir August Freudenthal nun bei einem seiner „Ausflüge in die hohe Heide und in das Flußgebiet der Böhme“, den er im 1890 erschienenen ersten Band der „Heidefahrten“ – wie es auf der Titelseite heißt – „Für Freunde der Heide geschildert“ hat. Bei der von Bremen aus unternommenen „Tagfahrt in den Loingo“ (wie früher das Gebiet zu beiden Seiten von Böhme, Örtze, Unteraller und Leine zwischen dem Steinhuder Meer, Rethem, Stellichte, Timmerloh und Hermannsburg bezeichnet wurde) fanden auch „Fallingbostel“ und „Die Lieth“ Erwähnung.
Da Fallingbostel erst 1896 Bahnanschluss erhielt, konnten August Freudenthal und seine Freunde lediglich bis Visselhövede mit dem Dampfross reisen. Von dort aus ging es mit der Kutsche über Kettenburg und Stellichte nach Walsrode. Dann ging es in den Ort weiter, in dem August Freudenthal geboren worden war – was er allerdings nicht erwähnt.
Der nun folgende Nachdruck der beiden Abschnitte aus den „Heidefahrten“ folgt buchstabengetreu dem Original. Beigegeben werden ihm Illustrationen aus dem Bestand des Stadtarchivs.
F a l l i n g b o s t e l.
Auf der Chaussee von Walsrode nach Fallingbostel, die sich wiederholt wellig senkt und wieder ansteigt, passirt man nur eine kleine Ortschaft, das Dörfchen Honerdingen. Rechts von der Straße liegt, etwa eine Viertelstunde von derselben entfernt, das Kirchdorf Meinerdingen mit einem uralten, aus Feldsteinen erbauten Kirchlein. Die Kirche zu Meinerdingen gehörte seit der Mitte des 13. Jahrhunderts zu dem Besitz des Klosters Walsrode. Sie bietet außer der von einem Engel getragenen Taufschüssel wenig sehenswerthes, nur ein alter mächtiger Taufstein von romanischer Form, der jetzt im Küstergarten steht, aber des eigentlichen Beckens ermangelt, wird als sehenswerth bezeichnet.
Uns mangelte es an Zeit, eine Abschwenkung nach Meinerdingen zu unternehmen. Die Pferde unsers Gefährtes griffen auf der guten Chaussee rasch aus und nach einer Fahrt von einer guten Stunde hatten wir die letzte Anhöhe vor Fallingbostel erreicht und sahen den freundlichen Ort mit seinen im Licht der Nachmittagssonne erglänzenden Ziegeldächern im Thale vor uns liegen.
Fallingbostel kann sich zwar an Alter und historischer Bedeutung mit seinen Nachbarorten im Böhmethale, mit Soltau und Walsrode nicht messen, dafür ist der Ort in landschaftlicher Beziehung jedenfalls der am schönsten belegene des Böhmethales und vielleicht des ganzen Loingo. „Valingheborstelde“, wie der Ort in einer alten Urkunde von 1293 genannt wird, besaß damals bereits eine Kirche; der Ort stand in kirchlicher Beziehung unter dem Archidiaconat Ahlden des Stifts Minden, wohin auch Walsrode gehörte, während dagegen Soltau schon in früherer Zeit dem Bisthum Verden angehörte. Die einzigen Erinnerungen aus alter Zeit, ein aus Feldsteinen und Ziegeln erbauter romanischer Thurm, und eine jüngere, vielleicht aus dem 14. Jahrhundert stammende Kirche, sind in den Jahren 1829 und 1830 durch einen stillosen kirchlichen Neubau ersetzt.
Einen Thurm hat man garnicht wieder gebaut; unfern der jetzigen Kirche erhebt sich ein hölzerner sogenannter Glockenstuhl mit zwei aus dem Anfang des vorigen Jahrhunderts stammenden Glocken. Ein früherer Taufstein aus spätgothischer Zeit mit polygonalem Fuß und rundem Becken hat im Pfarrgarten nahe dem Eingang Platz gefunden als stummer, dem Verfall anheimgegebener Zeuge der Vergangenheit. Die jetzige Kirche erhebt sich malerisch auf einer Anhöhe des Böhmeufers; sie ist von freundlichen Bosketts umgeben und von schönen Linden umschattet. Ihre südliche Längsseite ist dem Marktplatz des Ortes zugekehrt, wo der Kirchenhügel durch eine stattliche Feldsteinmauer eingefaßt ist. Zwei Denkmäler sind es, welche hier sofort die Aufmerksamkeit des Besuchers erregen. Das eine ältere und künstlerisch werthvollere ist in die Kirchhofsmauer halb eingelassen.
Unter einem schlanken, mit Thürmchen gezierten gothischen Spitzbogen erhebt sich die lebensgroße Statue eines in Fallingbostel und Umgegend hoch verehrten Mannes. Die Inschrift, welche sich auf der über einer Ruhebank unter dem Denkmal befindlichen Steinplatte findet, lautet: „Oberamtmann Heinrich Guichard, genannt von Quintus-Icilius, geboren 6. Mai 1798, gestorben 19. Mai 1861. Dem Andenken des deutschen Mannes voll thatkräftiger und aufopfernder Liebe für die Menschheit, für sein Vaterland und für sein Amt, in tiefer Verehrung und Dankbarkeit gewidmet von den Eingesessenen des Amtes Fallingbostel und der Landgemeinde des Kirchspiels Soltau. 1864.“ Der Sockel des Denkmals zeigt außerdem den Bienenkorb, das Sinnbild der von dem Verstorbenen und seinem Freunde, dem Oekonomen F. Schmidt gegründeten Amtssparcasse, sowie die Jahreszahl der Gründung dieser Casse 1838, deren segensreiches Wirken für die ganze Gegend noch gelegentlich der Feier des 50jährigen Jubiläums der Sparcasse zu Fallingbostel im Jahre 1888 vielfach in der Presse hervorgehoben worden ist.
Oberamtmann von Quintus entstammte der unter dem ersten Preußenkönige eingewanderten französischen Protestantenfamilie Guichard. Ein Guichard war Major und Adjudant Friedrichs des Großen. Den Adelstitel von Quintus-Icilius verdankte dieser einer Laune des großen Preußenkönigs. Als Guichard mit dem Könige eines Tages über das Werk eines römischen Schriftstellers, des Polybius, sprach, worin u. a. auch von der Legion eines Quintus Ilicius die Rede ist, erklärte der König, der Mann heiße Quintus-Icilius. Als Guichard beharrlich dieser Ansicht widersprach und endlich dem Könige gedruckt den Beweis lieferte, daß der Römer Ilicius geheißen habe, lächelte Friedrich und bemerkte: „Lieber Guichard! Ich habe Ihnen schon lange den Adel zugedacht. Damit ich mich nicht einmal rechthaberischer Weise wieder vergesse und stets an die Mängel meines Wissens erinnert werde, soll Ihnen noch heute ein Adelspatent auf den Namen von Quintus- Icilius ausgefertigt werden!“ Dabei blieb es. Major von Quintus-Icilius stand bis zu seinem Tode in der Gunst des Königs, dessen literarischer Beirath er war. Wer einmal das Gespräch zwischen Friedrich II. und Gellert gelesen hat, wird sich erinnern, daß auch in diesem Falle, der König sich des Majors von Quintus-Icilius als Vermittler bediente.
Quintus hatte Theologie studiert und als Kandidat oft die Kanzel bestiegen, später wurde er Soldat und commandirte im siebenjährigen Kriege ein Freicorps. Da er ein vielseitig gebildeter, geistreicher Mann war, so wurde der König bald aufmerksam auf ihn und schenkte ihm seine besondere Gunst. In Gemeinschaft mit dem gelehrten Marquis d'Argens wurde er zur Tafel und zu den Abendgesellschaften des Königs hinzugezogen, wo literarische Thematas durchgesprochen wurden und freisinnige, mit Witz und Geist vorgebrachte Aeußerungen stets beim Könige ein gnädiges Ohr fanden, selbst dann, wenn sie in derber Weise die Persönlichkeit des Königs nicht verschonten.
Besonders Quintus stand in dem Rufe, daß er auf derbe Sarcasmen, die der König im Laufe des Gesprächs gegen ihn vorbrachte, sehr schlagend und nicht minder derb zu antworten wußte. So scherzte der König oft in etwas verletzender Weise über die Freibataillone und sagte unter anderm, sie hätten aus lauter Dieben bestanden. Quintus sagte, der König möge doch ein Beispiel anführen, das ihn persönlich angehe. „Habt Ihr denn,“ sagte der König, „nicht in Hubertsburg vortrefflich gestohlen?“ „Oui Sire,“ antwortete Quintus, „mais je n’ai volé que pour les interets de mon gracieux commettant, et à peine en ai-je retiré mes droits de commission.“ (Jawohl, Majestät! Aber ich habe doch nur im Auftrage meines gnädigen Auftraggebers gestohlen, und nur mit Mühe habe ich meine Spesen dabei gewonnen.)
Quintus wollte eine junge, schöne Dame, ein Frl. v. Schlabrendorf, heirathen, da er jedoch schon alt war, so suchte der König ihn davon abzubringen, indem er meinte, ein solches Vorhaben tauge nicht mehr für ihn. Als aber Quintus die Gründe des Königs nicht respectiren wollte, wurde letzterer ärgerlich und sagte: „Ihr seid auch von allzuschlechter Herkunft, um Euch mit einem Fräulein v. Schlabrendorf zu verheirathen. Euer Vater und Großvater sind weiter nichts gewesen als Töpfer!“ „Eure Majestät,“ entgegnete Quintus, „sind grade so gut ein Töpfer, wie mein Vater und Großvater, nur hatten diese eine Fabrik von Fayence und Sie haben eine Porzellanfabrik.“ – Nach und nach wurde das freundschaftliche Verhältniß zwischen Quintus und dem Könige etwas kühler. Quintus nahm seinen Abschied, indem er vorgab, wegen seiner angegriffenen Gesundheit in Karlsbad eine Kur gebrauchen zu müssen. Der König schenkte ihm dazu 1000 Thlr. Quintus zog sich zurück und heirathete, kehrte aber später wieder an den Hof zurück, wo die alte Freundschaft zwischen ihm und dem Könige sehr bald erneut wurde und von nun an in ungestörter Weise fortdauerte. Als Quintus starb, kaufte der König dessen Bibliothek über ihren Werth zu 12000 Thalern an, auch schickte er der Wittwe 6000 Thaler und bewilligte ihr außerdem eine ansehnliche Pension.
Der Oberamtmann von Quintus zu Fallingbostel war ein Enkel jenes Günstlings Friedrichs des Großen. Er hat sich als Amtmann der ehemaligen Amtsvoigtei Fallingbostel, welche die Kirchspiele Fallingbostel, Dorfmark, Meinerdingen, Ostenholz und Düshorn mit etwa 30 Bauerschaften umfaßte, unvergeßliche Verdienste erworben, und jeden Fortschritt auf dem Gebiete der Land- und Forstwirthschaft, des Wegebaues und der gewerblichen Thätigkeit gefördert, so daß ihm mit Recht der Name eines Justus Möser des Böhmethales zukommen dürfte. von Ouintus war auch politisch ein freidenkender Mann: er interessirte sich lebhaft für die Bewegung der 30er und 40er Jahre und gehörte 1848 dem Frank-furter Parlamente an.
Das zweite Denkmal befindet sich dem von Quintusdenkmal gegenüber, mitten auf dem Marktplatz. Auf dreistufig ansteigender Sandsteinbasis erhebt sich zunächst ein Sockel mit Inschrift und kriegerischen Emblemen, darüber ein schlanker Obelisk, der an seiner Vorderseite in einem Kranze mit Schleife das eiserne Kreuz trägt und zu beiden Seiten von zwei prächtig modellirten Adlern flankirt ist. Die Inschrift des Sockels besagt, daß das Denkmal den im französischen Kriege Gefallenen aus dem Amte Fallingbostel zu Ehren errichtet worden ist. Die Rückseite des Sockels trägt die Namen derselben. Der Fuß des Denkmals ist von Epheu umwuchert und durch ein eisernes Rundgitter eingefaßt.
Fallingbostel ist, obschon ein verhältnißmäßig kleiner Ort von etwa 900 Einwohnern, seit langer Zeit stets Mittelpunkt eines größeren Verwaltungsbezirks gewesen; so ist es auch jetzt Mittelpunkt des gleichnamigen Kreises.
Um den Marktplatz, den Mittelpunkt des Ortes, in welchem die Chausseen von Walsrode, Soltau und Bergen-Celle zusammentreffen, gruppiren sich die schon erwähnte Anhöhe mit der Kirche, das stattliche Amtshaus, die Mühle an der Böhme, mehrere Kaufmannsgeschäfte und eine größere Wirthschaft. In letzterer, dem „Hotel zur Lieth“ von Ohland, ließen wir ausspannen, nahmen einen Imbiß und begaben uns dann zur Lieth.
D i e L i e t h.
Diese herrliche Buchenwaldung grenzt fast unmittelbar an den Ort und ist in wenigen Minuten von Ohlands Hotel aus zu erreichen. Man überschreitet, an der stattlichen neuerbauten Mühle vorbei, die neue Böhmebrücke, von der aus sich rechts eine hübsche Aussicht in das Böhmethal und den angrenzenden Amthofsgarten öffnet.
Die Böhme ist von einem steinernen Wehr durchschnitten, über welches sich wasserfallartig rauschend die Wellen ergießen. Das Wehr sorgt dafür, daß dem andern Arm des Flusses, dem Mühlengraben, auch zu wasserarmer Zeit das treibende Element nicht mangelt.
Haben wir die Brücke überschritten, so zweigt gleich hinter der rechts belegenen Färberei von der Chaussee aus ein Fußweg ab, der, am Rande des Wiesenthales entlang führend, uns in wenigen Augenblicken zur Lieth bringt.
Hohe schattige Buchenhallen, die den „heiligen Hallen“ von Tharand an Schönheit nicht nachstehen sollen, öffnen sich dem Besucher, gut gepflegte, wellig auf- und absteigende Pfade führen nach allen Richtungen in das Gehölz und hüllen den Wanderer „in ihrer Blätter grüne Dämmernacht“.
Von dem oberen Hauptwege rechts abzweigend, führt unser Pfad ziemlich steil abwärts an das Böhmeufer, wo sich auf einem Vorsprung in das Thal das Liethhaus erhebt, ein schlichtes, kleines Wirthschaftsgebäude mit Kegelbahn für die Clubgesellschaft des Ortes. Das weit ausgedehnte Wiesenthal erscheint den Blicken hier als ein rings von waldigen Hügeln eingeschlossenes Amphitheater. Die Einfassung des lieblichen, von der Böhme in mannigfachen Schlangenwindungen durchflossenen Wiesenthales bilden kleinere Gruppen von Laub- und Nadelholz und größere Nadelholzungen auf den Höhen in der Ferne. Dazwischen tauchen, fast völlig im Grün versteckt, die an einem der Lieth gegenüber mündenden kleinen Bach belegenen Höfe Ober- und Unter-Grünhagen auf, die ihren Namen mit vollstem Recht führen.
Vom Liethhause schlängelt sich an murmelnden Quellen mit krystallklarem Wasser, die aus dem Abhänge hervorsprudeln und ihre Gewässer der nahen Böhme zusenden, der Weg allmählich aufwärts, an herrlichen Buchenriesen, deren Alter nach Jahrhunderten zählt, vorüber zu einem höher gelegenen Ausblick, der das Panorama von vorhin noch erweitert. Selbstredend hat man diese schöne deutsche Aussicht „Bellevue“ getauft.
Bald hinter diesem prächtigen Ausblick endet die Fallingbosteler Lieth, welche Staatsforst ist, und es beginnt die sogenannte Klinter Lieth, ein Privatforst, der, weil höher ansteigend, noch weitere Rundblicke gestattet. An die Stelle des Laubholzes treten hier allmählich Tannen und Föhren, und es gewährt namentlich im Frühjahr einen überaus lieblichen Anblick, von der Höhe in die Kronen schlanker Tannen mit ihren tausenden von Lenzweihnachtskerzen hinabzuschauen.
An düsteren, schluchtartigen Thaleinschnitten vorbei gelangen wir endlich zu einer heidbewachsenen Höhe, die sich weit über die ganze Umgebung erhebt und den lohnendsten Ausblick bietet. Wer diese Schilderung des Böhmethales für übertrieben halten möchte, für den habe ich einen zuverlässigen Gewährsmann, den Schöpfer des Bremer Bürgerparks, W. Benque, der nach einem Besuch des Böhmethales bei Fallingbostel äußerte, daß ihn die Lieth und die Gegend bis Westendorf-Dorfmark lebhaft an die landschaftlichen Reize der freundlichen Flußthäler Thüringens erinnert habe.
Besser als die Prosa vermag übrigens die Poesie die Schönheiten der Lieth bei Fallingbostel zu schildern, und so möge denn eine poetische Schilderung eines „Pfingstmorgens in der Lieth“ hier Platz finden:
I.
O maienfrisches Waldgelände,
Das hier in wunderbarer Pracht
Des Heideabhangs steile Wände
Mit grüner Wölbung überdacht!
Die Wipfel rauschen, Quellen springen,
Ein Friedenshauch das Tal durchzieht;
Im Buchengrün hoch oben singen
Die Vögel hell ihr Morgenlied!
Und unten tief durch Wiesenmatten
Wie lieblich schlängelt sich der Fluss;
Süß schmeichelnd, wie das Weib den Gatten,
Umschlingt er des Geländes Fuß.
Wie atmet hier die Seele freier,
Fern von der Städte wildem Strom! –
O wunderbare Frühlingsfeier
Im maienduftigen Waldesdom! –
II.
Und höher führt der Pfad hinan,
Das frische Buchengrün verschwindet;
An düstern Schluchten tief im Tann
Der schmale Weg sich aufwärts windet.
Bis endlich über Wald und Tal
Der Blick sich öffnet in die Weite,
Und unten ruht im Sonnenstrahl
Das ganze liebliche Gebreite.
Wie farbenschön, wie mannigfalt
Das Bild zur Rechten und zur Linken;
Und aus der Ferne überm Wald
Der Heimat rote Dächer winken.
Sie mir gegrüßt, du schönes Tal
Im walddurchwebten Frühlingskleide!
Sei mir gegrüßt viel tausend Mal,
Du Paradies im Schoß der Heide!
Was mich bei den letzten Besuchen der Lieth am schmerzlichsten berührte, war der Umstand, daß sich in neuerer Zeit in der Pflege des schönen Gehölzes statt der früher in erster Linie maßgebend gewesenen ästhetischen Grundsätze jetzt das Nützlichkeitsprinzip der Forstcasse leider zu sehr in den Vordergrund drängt. Besonders in dem höher gelegenen Theile des Liethholzes, am Wege nach der Klinter Lieth, ist in arger Weise die Vorschrift der „Durchforstung“ zur Geltung gebracht worden; viele der schönsten mittelkräftigen Buchen, die den Nachwuchs für die alten knorrigen Riesen hätten bilden sollen, sind dem Beil der Forstverwaltung zum Opfer gefallen, ohne Rücksichtnahme auf die Schönheit der Anlagen.
Allerdings ist ja die Lieth ein Staatsforst, allein sie ist früher seitens der Forstbehörde stets mehr als eine schöne Parklage, denn als ein Nutzungsgehölz behandelt worden. Mit dem Wandel der Zeiten scheinen sich leider auch die Principien, welche sonst der Erhaltung solcher unersetzlicher Anlagen gewidmet waren, wesentlich geändert zu haben. Sache der Einwohner Fallingbostels aber sollte es sein, gegen jede Schädigung des landschaftlich schönsten Punktes der Umgebung des Ortes bei den maßgebenden Behörden vorstellig zu werden.
*
Soweit August Freudenthals Schilderung. Die Reisegesellschaft kehrte dann über die Wisselshorst und Bomlitz nach Visselhövede zurück, wo noch rechtzeitig der letzte von Uelzen kommende Zug nach Bremen erreicht wurde.
Der 1890 erschienene Band, der „Ausflüge in die hohe Heide und in das Flußgebiete der Böhme“ beschrieb, fand so viel Interesse, dass August Freudenthal im Laufe der nächsten Jahre noch drei Folgebände veröffentlichen konnte.
Im 1892 erschienenen zweiten Band standen „Ausflüge am Nordost- und Südwestrand der Lüneburger Heide“ im Mittelpunkt, zwei Jahre später wurde über „Ausflüge in die Flußgebiete der oberen Luhe und Oertze und in die Heide des ehemaligen Stifts Verden“ berichtet und 1897 folgte die Schilderung der „Ausflüge in die Wurster Heide, in das Land Uelzen und zu den Heidehöhen im Teufelsmoor“.
„Die Herausgabe eines V. Bandes, der bereits in Arbeit genommen war, sollte August Freudenthal selbst nicht mehr zustandebringen. Er starb am 6. August 1898 in einem Alter von nicht ganz 47 Jahren.“ Dies berichtete sein Sohn Leopold, als er die „notwendig gewordene zweite Auflage“ des ersten Bands der „Heidefahrten“ 1906 im 3. – 4. Tausend herausbrachte. Die drei Folgebände erlebten keine Nachauflage.
Bei seiner Redaktionsarbeit verfuhr Leopold sehr zurückhaltend. In seinem „Vorwort zur zweiten Auflage“ gesteht er ein: „Die Pietät gebot mir, bei der Durchsicht des Buches nur die notwendigsten Änderungen vorzunehmen.“ Er begnügte sich im Wesentlichen damit, die Rechtschreibung zu modernisieren. Um nur einige Beispiele zu nennen: Aus th wurde t, das lange i wurde als ie ausgeschrieben, ph wurde zu f und dort, wo wir anstelle des c das k verwenden, vollzog auch er schon diesen Wechsel. Auch gab er dem Band einige Fotografien bei.
Auf inhaltliche Eingriffe verzichtete er weitgehend. In den Berichten über „Fallingbostel“ und „Die Lieth“ begnügte er sich damit, die Einwohnerzahl angesichts des Wachstums des Ortes auf 1.000 heraufzusetzen und nach dem Besitzerwechsel des Hotels den Namen Ohland zu streichen.
In einer längeren Fußnote, die am Schluss des Abschnitts „Fallingbostel“ eingefügt ist (S. 107 f.), summiert er, was sich in den 16 Jahren seit der Erstveröffentlichung im Ort geändert hat. Vor allem aber berichtet er davon, dass sein Vater in diesem Ort geboren wurde. Die Wiedergabe dieser Ergänzungen Leopolds soll den Schluss der 150. „Archivalie des Monats“ bilden.
L e o p o l d F r e u d e n t h a l s E r g ä n z u n g e n 1 9 0 6
Wer heute Fallingbostel mit seiner herrlichen Umgebung besuchen will, kann es bequem mit der Bahn von Soltau oder Walsrode aus erreichen. Die Station Fallingbostel liegt östlich vom Ort. Ein Gang durch den malerisch gelegenen Ort bietet mancherlei Anziehendes und Interessantes.
Auf dem oben links auf der Höhe belegenen Friedhofe fesseln die mächtigen, aus behauenen großen Findlingen zusammengefügten Mausoleen der Familie von Quintus-Icilius und Schmidt.
Steigt man weiter abwärts und wendet sich dem Mittelpunkt des Ortes zu, so erregt vor dem stattlichen Heim des Landrats eine mächtige alte Roßkastanie, ein wahrer Baumriese, die Aufmerksamkeit. Im Wirtshause von Mutter Schlimm findet jeder Tourist aufmerksame Bedienung und freundliche Aufnahme.
Fallingbostel ist der Geburtsort des Verfassers der „Heidefahrten", des Schriftstellers August Freudenthal, der im Kreise der modernen Heimatdichter einen Ehrenplatz einnimmt, und der durch seine Heideschilderungen und seine Dichtungen, zu denen er meistens den künstlerischen Stoff den reichen Schätzen seiner engsten Heimat, der Heide, entnahm, in hervorragendem Maße mit bewirkt hat, daß die früher so verachtete Lüneburger Heide nunmehr das Wanderziel ungezählter Künstler und Touristen geworden ist.
Den früh verstorbenen Dichter hat sein Geburtsort bereits in sinniger Weise geehrt. Am 10. September 1904 faßte der Gemeinderat von Fallingbostel unter Vorsitz des Gemeindevorstehers Kruse den Beschluß, auf Gemeindekosten am Geburtshause des Dichters eine Gedenktafel anzubringen, um damit eine Ehrenschuld an den Dichter abzutragen, der die Heide über alles geliebt und ihr vor der Welt zu so hohem Ruhme verholfen und der ein so echtes Volkslied (Es war ein Sonntag, hell und klar) geschaffen hat.
Während einer August Freudenthal-Feier in Fallingbostel, zu der die Festteilnehmer von Nah und Fern erschienen waren, wurde am 6. November 1904 am Geburtshause des Heidedichters eine schlichte Tafel angebracht, die in Goldschrift die Worte trägt:
Geburtshaus
des Dichters
August Freudenthal
geb. den 2. September 1851
gest. den 6. August 1898.
In dem Geburtshause des Dichters wohnte bei dessen Eltern als Mieter mehrere Jahre der schon erwähnte Oberamtmann Heinrich Guichard, genannt von Quintus-Icilius, der August Freudenthal zur Taufe gehalten hat und sein Taufpate wurde.
Der Herausgeber.
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Das Geburtshaus der Brüder Freudenthal, an dem diese Tafel später durch eine neue mit Angaben zu August und seinem Bruder Friedrich ersetzt wurde, gibt es nicht mehr. An dem an seiner Stelle errichteten Neubau wurde auf Initiative von Stadtdirektor a. D. Erhard Korner aber eine Erinnerungstafel angebracht, die Leben und Werk der beiden großen Söhne Fallingbostels ehrt.
Seit 1923 erinnert ein Denkmal in der Lieth an August Freudenthal. Es wurde auf Initiative des Stammtisches „Niedersachsen“ und des „Plattdütschen Vereen“s in Bremen anlässlich des 25. Todestages des Schriftstellers errichtet. 1949 wurde auf der anderen Seite des Steins in gleicher Weise auch eine Würdigung seines Bruders Friedrich, der vor 100 Jahren in Fallingbostel geboren worden war, angebracht. Nicht nur am Pfingstmorgen lohn sich ein Spaziergang durch die Lieth zu diesem Denkmal…